Mittwoch, 24. Juli 2019

Lemberg



Eine Stadt die tief in die Geschichte des Menschen blicken lässt. Eine Stadt der Kirchen,  die Menschen, die sie erbauten wurden vertrieben, Polen, Ukrainer, Armenier und Deutsche  haben hier Kulturdenkmäler hinterlassen, die nur noch mit Krakau vergleichbar sind.    Eine Stadt der Leiden, 150.000 Juden gingen von hier in die Vernichtung nur noch die Reste einer alten Synagoge erinnert an sie und ein kleines Denkmal. Eine Stadt, in der die ganze gebildete Bevölkerung nachts abgeholt und erschossen wurde. Nichts erinnert mehr an die deutsche Bevölkerung die viele Jahrhunderte hier ihre Viertel hatte.  Und doch leben hier wieder   Menschen, die Stadt lebt, ist lebendig, 40 Universitäten und Hochschulen,  viele junge Menschen. Die vielen Kulturen haben diese Stadt geprägt, die Menschen sind gläubig und besuchen ihre Kirchen, noch immer findet die Messe  in vielen Kirchen auf polnisch statt, alle Richtungen des Christentums sind hier vertreten.  Der Verfall der Stadt unter dem Komunismus wurde angehalten, überall wird renoviert und gebaut. Noch fehlen die Mittel der EU, aber schon viele ausländische Investoren kommen in die Stadt. Es ist wieder der Geist der Freiheit eingezogen, alles ist im Aufbruch, das Leben zeigt sich wieder in seiner Fülle. Mein Blick geht nicht in die Vergangenheit, in das was einmal war, nicht in die Geschichte und in das was Menschen sich angetan haben, Lemberg ist eine Stadt der Gegenwart, eine Stadt des Aufbruchs. Das Wichtigste für die Entwicklung eines Staatswesens ist die Unabhängigkeit der Rechtsprechung. Wenn Oligarchen und Mafiastrukturen das Recht fürchten müssen, können die Menschen wieder in Frieden leben. Wenn ein Volk, dass eine lange Geschichte des Antisemitismus hat, sich einen Juden  und Komiker zum Präsidenten wählt, dann hat sich vieles geändert und es ist Anlass mit Optimismus in die Gegenwart und die weitere Entwicklung zu blicken.

Donnerstag, 27. März 2014

Jagdeindrücke aus Argentinien


Seit 20 Jahren fahren wir mit einigen Jagdfreunden nach Argentinien. Am 20. März beginnt die Brunft der Hirsche.  In  Buenos Aires holt mich Kurt vom Flughafen ab und wir fahren direkt hinaus nach Bonifacio auf die Farm  - Las Margeritas.  Beim Geldwechseln fällt mir auf, dass es keine Dollar zu kaufen gibt, weil Argentinien wieder wirtschaftlich am Abgrund steht. Diesem Land gelingt es nicht, seine Kaste von korrupten Politikern abzuschütteln. Dabei ist der Reichtum an Böden und Bodenschätzen immens, das Land könnte reich sein, wenn nicht durch staatliche Eingriffe in die Wirtschaft eine hohe Inflation entstünde die direkt in den nächsten Zusammenbruch steuert.
Die Margarita habe ich aus ersten Anfängen entstehen sehen.  Es ist erstaunlich, wie durch die Energie eines Menschen ein blühender Wirtschaftsbetrieb entsteht, und vorher langsam der gleiche Betrieb  über Generationen abgewirtschaftet wurde. Unser Freund Hasso hat hier in den letzten 15 Jahren eine vorbildlichen  Hacienda  aufgebaut,  auch wenn die argentinischen Farmverwalter ihn sicherlich  oft zurückgeworfen haben. Es macht Freude zu sehen, wie die Felder stehen, die Rinderherden immer weiter wachsen,   und wir fahren   durch die Soja, Hirse  und Sonnenblumenfelder und freuen uns an dem Reichtum der Landschaft.
Black  Angus  in der Pampa

Hier hat eine Bremer Kaufmannsfamilie in den Anfängen von Argentinien ein kleines Imperium auf- gebaut, schon seit den argentinischen Eroberungskriegen in denen die Urbevölkerung  vertrieben wurde. Die beiden grossen Gutshäuser auf der Farm könnten auch in  Bremen  stehen, das eine Haus ganz aus Ziegelsteinen, das andere Haus ganz im klassizistischen Stil errichtet. Als Hasso  die  Farm übernahm war alles heruntergekommen und es ist eine Freude zu sehen,  wie er alles perfekt restauriert hat. Der Park wirkt durch den alten Baumbestand besonders stattlich, in Deutschland würden wir so etwas in Ostpreussen in der alten Zeit erwarten, denn die kleinteiligen Betriebe in Deutschland lassen nicht mehr diesen Aufwand zu, den in Argentinien 7.000 ha noch ermöglichen. Als Kurt auf der anderen Seite der Laguna Alsina noch seinen Betrieb bewirtschaftete konnten sich die beiden Nachbarn noch zum abendlichen Churrasco besuchen. Heute versammeln wir uns bei Hasso,  Platz ist genug da für uns 10  Jagdgäste,  fünf von uns aus dem Altbestand, der seit 20 Jahren nach Argentinien kommt, und  fünf  Freunde von Rasso,  der vielversprechende Nachwuchs, der uns langsam ablöst.   
Churrasco am Abend

Wir kommen  sehr gepflegt  in den Gästezimmern der Hacienda unter. Am Abend  findet immer ein Churrasco statt, bei dem die feinsten Stücke vom Rind, aber auch einmal ein Lamm gebraten werden. Besonders gut gelingt die Tira,   Rippenstücke, die  wenn sie zart sind zum Besten des Rindes gehören. Hasso hat diesmal einige besonders gute argentinische Weine ausgesucht, die sich angenehm abheben von dem San Huberto, den wir auf der Jagdfarm trinken.
Am  20.3. geht es dann los zur  Jagdfarm Los Vertientes,  in Carro Quemado,  der Name weist auf  ein Ereignis aus der Pionierzeit hin,  als hier ein Karren verbrannt ist.  Wir befinden uns in der Trockenpampa, ein ganzes Stück hinter Santa Rosa.  Hier ist nur extensive Viehzucht möglich, Die Landschaft ist leicht hügelig, mit  Büschen  wilden Gräsern und  den  leguminosen Hartholzbäumen, den  Caldén bedeckt.  Das Wetter ist am Tag noch warm und lässt uns noch den Sommer spüren. Nachts wird es aber empfindlich kalt, bis  minus  2°,  ideale Voraussetzungen  für die Brunft.  Wenn die Sonne untergeht erstrahlt über uns der unglaublich klare Himmes des Südens,  mit einem Sternenmeer, wie wir es in Europa in unseren erleuteten Landschaften kaum mehr kennen. Um uns brunften die Hirsche und wir freuen uns schon auf den Morgen,  wenn wir bei Dunkelheit hinausgehen, um uns an den Hirsch zu pirsche, vom Klang der Stimme geleitet, bevor er sich in seinem Tagesplatz zur Ruhe niederlegt. 
Ciervo con  Embras

Um  5.30 h  klingelt der Wecker von Kurt.   Schnell werden die Jagdsachen zusammengestellt. Draussen ist es noch finstere Nacht. In der Ferne röhren die Hirsche.   Ich habe wieder meinen Führer Javier, den ich auch vor 2 Jahren hatte. Damals habe ich gleich am ersten Abend einen stattlichen Hirsch geschossen, wie wir sie in Deutschland praktisch nie freibekommen.  Es ist empfindlich kalt und ich bedaure es, keine Handschuhe mitgenommen zu haben. Javier arbeitet auf der Farm und die Jagd ist für den passionierten  Jäger eine angenehme Abwechslung zur Farmarbeit.  Er kennt sich natürlich besonders gut auf der Farm aus, die  immerhin 16.000 ha gross ist, aber nur  Futter für etwa 1.000 Rinder bietet.  Die  Jagdfarm hat sich auf die Zucht von Hereford spezialisiert. Die Tiere sind in dem  trockenen Klima besonders stattlich und machen einen   guten Eindruck. Die  Farm lebt von dem Verkauf der Kälber, bestimmt ein sehr karges Geschäft, bei dem jedes Extraeinkommen, wie das der Jagd, willkommen ist.
Morgenröte in der Pampa

Mit  5  Camionetas fahren wir in die Dunkelheit.  Die Wagen verteilen sich über die Farm, jeder Jäger hat seinen eigenen Führer, der massgeblich für den Erfolg der Jagd verantwortlich ist.  Wo ich abgesetzt werde, noch in völliger Dunkelheit,  höre ich die Hirsche in der Ferne röhren. Wir, der Führer und ich,  schaffen uns in der Dunkelheit  langsam in die Landschaft, immer dem Klang der Hirsche folgend.  Dabei gilt es keine Geräusche zu machen, ein knackender Ast könnte den schlauen Embras verraten, dass sich der Mensch nähert.  Die frische Morgenbrise aus der richtigen  Richtung  hilft uns an  das Brunften heranzukommen.  Schliesslich sind wir von 3 Hirschen umgeben, die in nächster Nähe,  vielleicht 60 m entfernt, brunften.  Wir warten in einer Baumdeckung ab.  Dichter trauen wir uns nicht heran, weil wir ohne Deckung  schnell von den Embras entdeckt werden können und dann war alle Mühe umsonst.  Aber alles Warten hilft nichts,  die Hirsche  kommen nicht aus dem Dickicht .  Die Sonne geht auf, und die Aktivität der Hirsche lässt nach. Wir hören, wie sie sich langsam entfernen.  Wir pirschen der kräftigsten Stimme nach, die immer wieder Laut gibt und uns damit den Weg weist. Oft verhoffen wir, der Hirsch steht in einem Busch nur 30 m entfernt, wir hören ihn fegen, Staub steigt auf, er tut uns aber nicht den Gefallen, sich zu zeigen.  Das Gestrüpp ist sehr dicht   und schliesslich müssen wir aufgeben    und der Hirsch zieht ohne uns seine Bahn.
Warten auf den Hirsch

Ein wunderbares Jagderlebnis,  Jäger und Hirsch  haben die gleichen Chancen,  und diesmal hat der Hirsch gewonnen.  Javier mein Jagdführer hat nur dünne Latschen an,  ein ungenügender  Schutz gegen die Rosettas, kleine Kletten, die sich an alles heften. Auch die Ledergalloschen bieten nur   ungenügenden Schutz.   Javier bückt sich, um die Kletten abzuklauben, die beim Gehen äusserst lästig sind.  Ich hoffe, dass er sein Trinkgeld in ein besseres Schuhwerk anlegt und   das nächste Mal  etwas besser ausgerüstet ist.
Unsere Jagdgruppe beim Essen

Wir kehren zum Frühstück in die Farm zurück.  Inzwischen ist die Sonne stark genug um draussen zu  sitzen.  Jeder bekommt von unserer Köchin 3 Spiegeleier mit Speck,  dazu ein selbstgebackenes Brot und eine gute Marmelade.  Selbst der Kaffee mit warmer Milch ist von ausgezeichneter Qualität.  Die Milch wir jeden Morgen frisch gemolken, wie in der alten Zeit. Nach dem Frühstück zieht sich die ganze Manschaft in ihre Unterkünfte zurück, einige um zu duschen,  die meisten aber um die kurze Nacht etwas zu verlängern.
Rasso und seine Freunde nutzen die Zeit bis Mittag, um noch auf Antilopen zu gehen.  Der Ehemann von Victoria ist Spanier und hat ein Gatter angrenzend an die Farm.  Manchmal gelingt einer Antilope der Ausbruch aus dem Gatter. Aber ein typisches Tier ist das nicht für diese Gegend.  So war ihnen auch kein Erfolg gegönnt, was wir anderen uns schon gedacht haben. 
Um  17.30 h  versammeln wir uns wieder und ab geht es mit unseren Führern zur Abendpirsch. Javier will es besonders gut machen und wechselt oft das Revier, weil er von seinen Kollegen während des Tages Informationen gesammelt hat. Abends brunften die Hirsche nicht solange die Sonne draussen ist, aber sein gutes Gehör macht  auch jetzt noch typische Geräusche aus und wir machen mehrfach Hirsche hoch, die in ihrem Tageseinstand liegen, aber alle leider mit schwachen Köpfen und für diese habe ich nicht die Fahrt bis Argentinien unternommen.
Pampasgras in der Abenddämmerung

Abends nach der Pirsch treffen die Jäger  gegen 21 h  wieder im Camp ein. An einem Lagerfeuer wird ein  Bier genommen, es gibt das gute Quilmes, ein Ableger von Warstein. Die Jagderlebnisse werden ausgetauscht und kleine Leckereien aus der Küche stillen den ersten Hunger. Es gibt immer sehr gutes Fleisch und einen kräftigen Landwein, den San Huberto. Alle Jäger sind müde vom Tag, es wurde viel erlebt und viel geleistet.
Diese Pirsch in der weiten trockenen Landschaft stellt hohe Anforderungen an den Jäger. Jeden Tag laufen wir  mindestens 4 Stunden.  Das   Anpirschen muss absolut lautlos geschehen. Der eigentliche Schuss muss in dem Gestrüpp oft freihändig erfolgen, bei weiten Schüssen setzen die meisten einen Schiessstock ein.  Dann betragen die Entfernungen über 100m .    Am ersten Tag war der Jagderfolg nur eine Antilope. Am zweiten Tag fiel ein Hirsch, kein starkes Stück, aber für den Schützen ein schöner Erfolg.  Erst am dritten Tag fielen noch 5 Hirsche, so dass  wir auf insgesamt 7  Hirsche kamen, bei 10 Jägern.  Tatsächlich in letzter Minute stellte sich noch der Jagderfolg ein, nachdem  wir schon langsam zweifelten noch zum Schuss zu kommen. Ein wirklich starker Kopf wie in den  Vorjahren war nicht dabei.  Trotzdem waren alle zufrieden, vor allem die Jagderlebnisse waren besonders, wo hat man so eine ursprüngliche Pirsch auf den Hirsch.

Seitdem Victoria die Bewirtschaftung übernommen hat, ist auch die Unterbringung und Verpflegung  sehr verbessert. Bei  ihren Eltern hatte man gar nicht das Gefühl, dass sich jemand richtig kümmert. Jetzt stimmt auch die Küche, der Service und die Kleinigkeiten, die es uns ermöglichen, uns wohl zu fühlen. Als wir schliesslich am letzten Jagdmorgen  alle geschossenen Köpfe aufreihen und die letzten Fotos schiessen, sind alle Generationen zufrieden,  jeder ist zu seinem Jagdglück gekommen, die Schützen zu ihren Trophäen, die anderen zu wunderbaren Pirscherlebnissen.  Wir beschliessen, im nächsten Jahr wieder dabei zu sein, bei einer der schönsten Hirschjagden, die man sich wünschen kann. 
Abschiedsessen in der Pampa

Mittwoch, 22. Januar 2014

Die Serra das Andorinhas - im südlichen Amazonasgebiet

1989 machte ich meine erste Reise in das südliche Amazonasgebiet. Anlass war eine Initiative meiner Studienfreunde Hubertus Dönhoff und Armin Plotho. Zusammen mit einem bras. Biologen, Noé von Atzingen, war ein Projekt zum Schutz der landschaftlich besonders schönen Bergkette „Serra das Andorinhas“  am Rio Araguaia ins Leben gerufen worden.  Wir flogen in die alte Goldgräberstadt Marabá im Staat Pará und von dort ging es auf staubigen Erdstrassen in das Landesinnere.  Die ganze Gegend lag damals unter einer dichten Rauchdecke, die von den Brandrodungen der Siedler stammte. Unser Ziel war Sao Geraldo do Araguaia eine Flussstadt an der Grenze von Pará u. Tocantins.
Das brasilianische Bundesland Pará ist mit 1.248.000 Quadratkilometern eines der grössten Brasiliens und gehört zum Amazonasbereich, von dem es etwa 26 % der Fläche einnimmt. In diesem Bundesland leben 6 Mio. Menschen, ein buntes Mischvolk mit stark indianischem Einschlag. Begrenzt wird dieses Bundesland im Süden durch den Rio Araguaia, einem Nebenfluss des Amazonassystems, der mit 2.600 km die gleiche Länge wie der Amazonas hat . Der Rio Araguaia fliesst durch zahlreiche Landschaften Brasiliens und bildet auf seinem Lauf die grösste Flussinsel der Welt (Ilha do Bananal) und mündet bei Marabá in den Toquantins, der wiederum sich mit dem Amazonas vereint. Am unteren Lauf des Rio Araguaia erstreckt sich die Serra das Andorinhas, eine Mittelgebirgskette von besonderem landschaftlichem Reitz . Diese Serra war Ziel unserer Reise und unserer Initiative zum Schutze des dort noch vorhandenen Regenwaldes.


   
Rio Araguaia  mit Sandstrand und Regenwald

Zum Schutz der Serra  wurde   eine Stiftung gegründet – die Fundaçao Serra das Andorinhas – , an der sich mehrere deutsche Freunde beteiligten, insbesondere der „Lübecker Förderverein  Naturschutzpark  Serra das Andorinhas“ unter der Leitung von Prof. Dr. Horst Dilling.
Ziel der Stiftung war der Schutz der noch nicht gerodeten Waldgebiete und insbesondere der   36.000 ha grossen  Bergkette, einer noch weitgehend naturbelassenen Region.  

Unter der Leitung von Noé von Atzingen wurden seit 1989 in der Serra zahlreiche Naturschutzprojekte durchgeführt, die Renaturierung von abgebrannten Flächen, Züchtung von Baumsetzlingen, Anlage einer wertvollen Orchideenzucht, Bewachung des Naturschutzgebietes gegen Wilderer und Landbesetzer, die Wasserversorgung für die anliegende Ortschaft Santa Cruz und die Errichtung von Schulen für die Waldbevölkerung.

Die Gegend dort ist reich an allen Wildarten der Amazonasregion, besonders hervorzuheben ist der Fischreichtum des Rio Araguaia, der auch  über wertvolle Bestände an Süsswasser-Delphinen verfügt.
Piranhas und Tucunaré


1996 konnte erreicht werden, dass der brasilianische Staat die gesamte Serra unter Naturschutz stellte. Damit hatte der Verein sein wesentliches Ziel erreicht. Seit dem  Jahr 2005, nimmt der brasilianische Staat   das gesamte Naturschutzgebiet in sein Parkprogramm auf. Die im Naturschutzbereich teilweise mehr als 20 Jahre ansässigen Siedler ohne Landtitel sollen umgesiedelt werden und die Naturschutzgebiete mit Hilfe   einer Parkverwaltung überwacht werden.

Im Dorf Santa Cruz erbaute Hubertus Dönhoff im Eingeborenenstil einen kleinen Ansitz aus Lehmhäusern mit Strohdächern, in denen die Besucher   in Hängematten  übernachten. Die Häuser heissen seitdem "Casas de Umberto".  Direkt im Anschluss an die Häuser beginnt der Urwald, der sich bis hinein in die Serra zieht. Die Brandrodungen haben sich in diesem Bereich in Grenzen gehalten, daher ist viel originärer Urwald mit den herrlichen   Kastanienbäumen erhalten. Der Rio Araguaia hat sich vor der Serra das Andorinhas sein Bett durch Felsenkatarakte und Sandbänke gefressen, ein gewaltiger Anblick, der sich zur Regenzeit dramatisch steigert, wenn der Flusspegel um ca. 12 m ansteigt. Die Ureinwohner aus der vorkolumbianischen Zeit haben dort vor ca. 5000 Jahren zahlreiche Felsmalereien hinterlassen, die zu den bedeutendsten in Brasilien gehören. In den Bergen finden sich ausgedehnte Höhlensysteme mit Fledermäusen und zahlreichen Felsgravuren aus prähistorischer Zeit. Als in den 60-iger Jahren ganz Südamerika von revolutionären Bewegungen erfasst wurde, fanden in dieser Landschaft die letzten bedeutenden Kämpfe zwischen der damaligen Militärregierung und den studentischen Revolutionären  statt.  Es ist damals viel Blut geflossen und erst jetzt wird die Geschichte zu diesen Kämpfen allmählich   in der Öffentlichkeit aufgearbeitet.

 
Casa de Umberto

Das ganze Waldland war ursprünglich von der brasilianischen Regierung an Kleinsiedler kostenlos über das nationale Institut INCRA zur Verfügung gestellt worden. Die Rodung erfolgte durch Brandlegung, hierbei wurden grosse Teile des Waldes niedergebrannt. Die Kleinsiedler haben jedoch keine dauerhafte Nutzung zustande gebracht. Als wir damals das Land zum ersten Mal sahen, befand sich alles in einem trostlosen Zustand.
Die Kleinsiedler lebten mehr schlecht als recht in  ärmlichsten Verhältnissen. Die Häuser  waren aus Lehm errichtet ,  und es wurde lediglich etwas Manniok, Reis und andere Nutzpflanzen  auf den niedergebrannten Flächen angebaut und etwas Vieh gehalten.  Schulen gab es in diesem Gebiet nicht.  Auf uns  Ausländer wirkte das natürlich romantisch und  sehr naturnah, für die Menschen , denen es am Nötigsten fehlte war es aber ein hartes und entbehrungsreiches Leben.  Die ersten Siedler, die in den 60er Jahren  dort ansässig wurden, waren  in den 90er Jahren alt und müde geworden und  strebten danach, ihre kleinen Farmen zu  veräussern, um sich und ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.

Hänge der Serra


Wie bei allen Initiativen, die am Anfang mit Begeisterung getragen werden, hatte 1997 die   Spendenfreudigkeit nachgelassen. Wenn man   die vorhandenen wertvollen Waldbestände erhalten wollte, musste   eine dauerhafte Lösung gefunden werden. Es gelang wichtige Bereiche an Wald zusammen mit gerodeten Flächen zu erwerben, so dass entlang der Serra eine   zusammenhängende Kette von Waldgebiet gesichert werden konnte. Auf den gerodeten Flächen wird heute Rinderzucht betrieben, Einkommen generiert und damit eine Sicherung für die Waldgebiete unabhängig von Spendengeldern erreicht. Hierbei wurden wir von dem  Grundgedanken geleitet, dass eine dauerhafte wirtschaftliche Nutzung der früher gerodeten Flächen durch verantwortungsbewusste Menschen  und die gleichzeitige Sicherung der Waldgebiete,   am besten den Zielen des  Naturschutzes dient.
 
Wasserfall in der Serra

Unser Freund Noé von Atzingen hat für diese ganze Landschaft eine Oeko-Bilanz aufgestellt, in der alle Tiere und Pflanzen aufgeführt sind. Die ganze Artenvielfalt des Amazonas ist darin erfasst.
Bei Sonnenaufgang werden wir von den Brüllaffen des nahe gelegenen Urwaldes geweckt, die Papageien kreischen um das Haus und der Rio Araguaia bietet alles an Fischen bis hin zu Piranhas, die entgegen   vieler Geschichten niemanden angreifen. Durch die Wälder und die Hänge der  Serra fliessen kristallklare Bäche mit zahlreichen grossartigen Wasserfällen und Badeseen.

Wanderung durch den Regenwald der Serra

Ein altes Siedlerhaus wurde zu einem Museum umgebaut als Andenken an die ersten Siedler. Dort sind alle Gerätschaften und Einrichtungen der  „Caboclos“ (Waldbewohner = Mischung von Weissen und Indianern) gesammelt, die zum grossen Teil von Hand hergestellt sind. Die Kinder der Farm und der umliegenden Gehöfte werden mit einem Fahrzeug jeden Morgen in die Schule von Santa Isabel gebracht. Die Schule wurde mit Hilfe von deutschen Freunden komplett renoviert und wir versuchen Einfluss  auf das Umweltbewusstsein der Kinder über die Lehrer zu nehmen.

Wer Freude an der Natur hat, für den ist ein Aufenthalt in dieser Landschaft ein besonderes Erlebnis. Mit Sonnenaufgang geht es um 6.00 Uhr aus den Betten oder Hängematten. Im Sommer fällt die Temperatur nachts auf 20°, was als kalt empfunden wird und steigt tagsüber auf 30 – 35°. Morgens wird frische Milch vom Corral gebracht, der Tag beginnt mit einem reichhaltigen brasilianischen Frühstück, mit warmen Gerichten , Reis und Manniok und den obligatorischen Bohnen, Eiern und Speck. Die „Vaqueros“ (Cowboys) brechen dann auf und sind den ganzen Tag auf dem Pferderücken unterwegs. Alle Campos müssen angeritten werden, die Tiere versorgt, neu geborene gezählt, und Problemfälle behandelt werden . Beeindruckend ist es, wenn die Vaqueros die Herden von einem Campo zum anderen bringen. Sie blasen dann auf langen Kuhhörnern und die Herde folgt ihnen willig zum nächsten Weideplatz. Das Leben bewegt sich noch langsam und archaisch, bestimmt von den Tages- und Jahreszeiten.

Frühstücken im  Caboclohaus


Nach dem Frühstück brechen wir dann zu Ausflügen in die umliegenden Wälder, an den Rio Araguaia oder zur Tierbeobachtung auf. In diesem hügeligen, dem deutschen Mittelgebirge  ähnlichen Gelände,  ist man noch voll auf Pferde und Mulis angewiesen.

Hauptnahrungsmittel der Bewohner und am beliebtesten ist Fleisch, obwohl auch Fisch aus dem Fluss wichtige Proteine liefert. Zu keiner Mahlzeit fehlt Reis, Bohnen,   Manniok und viele Früchte, die überall in der freien Natur wachsen und auf den Ausritten direkt vom Baum geerntet werden wie Mangos,  Papayas, Bananen, Zuckerrohr.

Durch die zahlreichen Regenfälle das ganze Jahr über (Niederschlagsmenge zwischen 1200 und 1500 mm) und das tropische Wetter gibt es   keinen Winter.
Wegen des hügeligen Charakters wird das Land entlang des Rio Araguaia um die Serra das Andorinhas mehr für Viehzucht als für Landwirtschaft verwendet. Die Tierzucht erfolgt im westlichen Sinne absolut ökologisch
Die Rinder werden ganzjährig auf der Weide gehalten, eine Zufütterung ist nicht erforderlich. Besonders schön fügen sich die Weiden,    mit zahlreichen Palmen in die noch vorhandenen Waldgebiete ein. Über allem aber erhebt sich die Serra das Andorinhas mit ihren rd. 400 m hohen Bergkämmen und ihrem noch weitgehend unberührtem Oekosystem.


Rinder auf der Weide,  Oekologie pur

Wenn ich unser Engagement über die vergangenen Jahren  betrachte, so hat es viel Freude und bei unseren Aufenthalten Lebensqualität gebracht. Die brasilianische Sprache ist leicht zu erlernen, die Menschen sind offen, freundlich und Ausländern gegenüber zuvorkommend. Wer sich in den südlichen Ländern Europas auskennt, fühlt sich in Brasilien schnell zu Hause.
Dieses  Land mit  190 Mio.  Menschen, seinem ungeheueren Naturreichtum und seinen Bodenschätzen bietet enorme Wachstumsmöglichkeiten, dies alles eingebunden in eine westliche Kultur, die von dem kleinen Portugal vor einigen hundert Jahren eingeführt wurde.

Abendstimmung am Araguaia

Brasilien ist vom Tourismus noch weitgehend unentdeckt und man kann allen Naturliebhabern einen Besuch wärmstens ans Herz legen. Wer in den Amazonasbereich kommt, ist herzlich eingeladen, die Serra das Andorinhas zu besuchen, die Erlebnisse dort werden sicher zu den bleibenden Eindrücken Brasiliens gehören. 
Daneben laden an den Küsten fast 8000 km Badestrände ein, die ganzjährig warmes Wasser anbieten und vom Norden bis Süden besuchenswert sind.



Samstag, 1. Juni 2013

Fleisch essen in Brasilien



Gerade war ich  in einem meiner Lieblingsrestaurants, dem „Fogo de Chao“ in Brasilia.  Warum Fleisch  essen, wenn das  Gemüse und Salatbuffet zum Besten gehört was man sich vorstellen kann? Alle  Platten mit Salaten und Gemüsen  machen den Eindruck, als ob sie  der Koch gerade frisch im Garten geerntet hätte. Das Fogo  ist eine Kette mit 18 Restaurants in den USA und  9 Restaurants in Brasilien. Aber trotz Kette   denke ich , dass man in einem Spitzenrestaurant kein besseres Angebot bekommen kann wie in diesem Kettenrestaurant. Welcher Service, seit Jahren kenne ich keinen Platz, der mich freundlicher bedient. Jedes Mal wenn ich mir Salat hole, steht der Kellner hinter mir und schiebt den Stuhl. Niemals aufdringlich, immer selbstverständlich. Welcher Unterschied zu anderen aufgesetzten Restaurants. 
 
Gerade komme ich aus der Spargelzeit in Deutschland, aber der Spargel hier lässt sich mit dem besten vergleichen. Der Blattsalat, so was von frisch, die  Roten Beete, die Wachteleier,  die Vielfalt der Gemüse, wie ich sie nur in Brasilien kenne, fast werde ich  zum Vegetarier, und halt ich bremse mich,  meinen Apetit muss ich mir für das Fleisch erhalten.
Auf dem Tisch drehe ich meine Signalkarte auf Grün.  Sofort eilen die  Kellner mit dampfenden Spiessen auf mich zu. Anders als in Argentinien,  wo Dir ein grosses Stück vom Grill serviert wird,  natürlich auch ganz etwas wunderbares,  bekommst Du hier die ganze Vielfalt des Fleisches serviert.  In  einer Karte auf dem Tisch studiere ich, was mir jeweils angeboten wird. 
 
Mein Liebling, Picanha,   Prime Cut of Top Sirloin,  welch ein Genuss, sollte man sich nicht auf dieses Stück konzentrieren, aber nein,  hier in Brasilien erlebt man, wie aus allen Teilen des Rindes Wunderwerke hervorgebracht werden.  Costela premium,  wie oft habe ich die in Argentinien bei meinem Freund Kurt gegessen, aber nie so gut wie hier  im  Fogo, das Geheimnis scheint darin zu liegen, dass es vorgekocht wird und dann erst in der letzten Phase  im Ofen   gegrillt wird.  Ancho Premium, der Angelsachse kennt es als Prime Cut oft he Ribeye, eine Delikatesse,  die einem dreifach mundet, wenn man weiss, dass in Brasilien die Stallhaltung und  Mastbeschleunigung verpönt sind. Welche Geschmacksnoten breiten sich auf der Zunge aus, wenn man sich einmal vom Spiess die Scheiben des Ribeye  herunterschneiden lässt. Alcatra com Maminha,  Top Sirloin with Trip-tip,   das Lendensteak mit reichlich Fettpolster um den Saft und Geschmack im Fleisch zu bewahren und natürlich das Filet Mignon,  das Tenderloin, für mich das am meisten zu vernachlässigende Stück, wenn  das Fleisch at ist best  serviert wird. Tenderloin nur dann, wenn die Fleischkultur nicht das bietet, was man in einem solchen Spitzenrestaurant  geboten bekommt. Und dann die grosse brasilianische Spezialität,  Cupim,  auf  englisch  Hump,  der Höcker des Nelore Rindes,  als  Nahrungsreserve von der Natur vorgesehen, und nur  hier in dieser Güte erfahrbar. Das Geheimnis der Zubereitung liegt in  der Vorbereitung.  Das Stück wird vorgekocht und dann erst am Spiess gegrillt. Das Stück, das ich heute gegessen habe, zerfiel auf der Zunge,  so etwas feines  bietet kein manzo bolito und kein Tafelspitz.
 
Das Schöne am  Rodizio,  man bekommt zwar ein Riesenstück am Spiess serviert, aber man lässt sich nur ein Stück, das man sich aussucht vom Spiess  heruntersäbeln.  Ganz frisch, direkt aus dem  Lehmofen.  Die Beilagen vernachlässigt man am Besten,  es lohnt sich die Konzentration auf das Fleisch. An den Nachbartischen sehe ich, wie die Kellner ohne Unterlass die köstlichsten Beilagen herbeischaffen, jede Art der Kartoffel und Manniokzubereitung, gebratene Bananen, Reis, alle Bohnenarten, die in Brasilien kultiviert werden,  jede Art von Gemüsen, die meisten bei uns Europäern unbekannt.  Alles das muss ich zu meinem Leidwesen zurückweisen,  es ist nicht zu schaffen.

Aber für den Nachtisch muss noch Platz sein. Mein  absoluter Lieblingsnachtisch wird hier serviert  Crema de Mamao mit Cassis.  Das ist etwas für den wahren Nachtischfan,  frische Papaya, wie sie es nur in Brasilien gibt,  mit einem guten Vanilleeis püriert und mit etwas Cassis obenauf.  Genial. Auch wenn der Magen schon aufgegeben hat,  dieser Nachtisch muss noch  sein, und wenn uns das Völlegefühl übermannt,  dann zu guter Letzt  einen alten Cachaza,  der in seiner Weichheit und Milde selbst einen Cognac übertrifft.  Alles in allem ein Spitzenvergnügen, in einem der besten Restaurants der Welt, sicher nicht ganz billig,  aber jeden Real wert, den man ausgibt.

Montag, 28. Januar 2013

Jahresfest auf der Fazenda

                                                   Fazenda  Andorinhas

                                              
Selten  ist die Fazenda so grün wie im Januar. Im Süden von Brasilien ist jetzt Hochsommer, die Kinder haben Schulferien.  Bei uns im Norden hat die Regenzeit begonnen.  Seit  Oktober haben die Regenfälle eingesetzt und überall empfängt uns sattes Grün.  Die Temperatur steigt selten über 30° und  nachts herrschen angenehme Schlaftemperaturen um 23°.  Die Luftfeuchtigkeit ist hoch, selbst unsere Damen verzichten auf die Gesichtscreme, die Haut fühlt sich wunderbar weich an.
                                                    Fest in der Scheune
Schon seit Tagen wird das Jahresfest für die Angestellten der Fazenda geplant. Im  grossen Schuppen wird sauber gemacht, Tische und Stühle werden aus dem Dorf geholt, ein Rind ist schon vor einer Woche geschlachtet worden und hängt in der neuen Kühlkammer zum Reifen. Diego und ich lassen uns durch den Vorbereitungsrummel nicht stören.  Jeden Morgen reiten wir aus  und besichtigen die Arbeit  auf der Fazenda. So gut hat die Fazenda noch nie ausgesehen.  Langsam ist  sichtbar  , wie  die Arbeit vieler Jahre die Weiden   verbessert hat, das Unkraut wurde zurückgedrängt  und alles befindet sich in einem perfekten Zustand.  Eine besondere Freude ist es die Herden anzusehen. Gerade ist die Zeit der Kälbergeburten zu Ende gegangen und das Team um Reino ist damit beschäftigt die Kühe wieder zu besamen.  Überall sehen wir die  Rinderherden mit ihren kleinen Kälbern und die Mütter, die sofort einen wehrhaften Verteidigungsring um ihre Kleinen bilden.
                                                 Weisse Ceburinder (Nelore)
Wenn die trocken Sommermonate zu Ende gehen und die Weiden wieder ihr kräftiges Wachstum beginnen, die Rinder  ihr Jungen bekommen haben,  dann ist es Zeit das Erntedankfest zu feiern, dem Reichtum der Natur zu danken, der Fruchtbarkeit der Jahreszeiten, der Fruchtbarkeit der Rinder,  und vor allem den Menschen, die in dieser Natur leben, die Weiden pflegen und die Rinder betreuen.
                                                      Unser  Churrasco
Das Fest beginnt mittags.  Der Grill ist schon einige Stunden vorher geheizt und grosse Rauchschwaden steigen langsam in den warmen Sonnentag. Die Sonne ist uns wohlgesonnen, heute sind keine Regenwolken aufgezogen und ein Teil der Kinder vergnügt sich unten im aufgestauten Bach und die Jugendlichen spielen noch Fussball, bevor sie sich zum Churrasco einfinden.  Eine Band aus Ananas probiert ihre Verstärker aus und von überallher treffen die Mitarbeiter ein, um mit uns zu feiern.
                                                       Alle hören gespannt zu
Jetzt ist es soweit, Gildo hat schon seit einiger Zeit die grossen Steaks und Rippen auf dem Grill, der Duft hüllt uns alle ein und  natürlich gibt es dazu  Reis, Feijao, Vinagrete, verschiedene Arten von Kartoffeln und gekochtes Manniok. Dazu fliesst das lokale Bier  „Skol“ in Strömen, wahrscheinlich trinken einige Männer, etwas versteckt vor ihren Frauen,  ein Gläschen Pinga,  das Nationalgetränk, ein Zuckerrohrschnaps.
Zuerst gibt es   eine  grosse Ansprache, alle müssen noch mit dem Essen warten, und dann ist es endlich soweit, alles setzt sich, die Kinder rennen als erste an den Grill und dann folgen langsam die Erwachsenen, es ist  so viel Fleisch da, dass alle bis Mitternacht essen können.
                                                    Eine unermüdliche Band
Sofort setzt die Musik ein.  Gespielt wird Forró, Reggae, Brega, MPB,  Pop & Rock.  Sofort eilen die Frauen und Mädchen auf die Tanzfläche, die Herren halten sich   vornehm zurück.  Mir  fällt auf, dass in den letzten 10 Jahren die Gewichte der Damen kräftig zugelegt haben. Seit  der Regierungszeit von Lula  sind die Einkommen gestiegen und das wird zunächst in Essen umgesetzt.  Ich erinnere mich an die Zeit nach  1947, als die Menschen in Deutschland plötzlich dick wurden, weil die Fresswelle eingesetzt hatte. Wenn von den hübschen Brasilianerinnen gesprochen wird, dann gilt das kaum für die einfachen Menschen.  Bis zu mittleren Einkommen sind die Menschen zu dick.  Das gilt nicht für den Süden des Landes, wo eine ausgeprägte Körperkultur herrscht und die Strände mit hübschen Mädchen bevölkert sind.  In den nächsten Jahren wird sich auch im Norden das Schönheitsideal verändern.
                                                Die Damen beherrschen die Tanzfläche
Bei den Besuchen von deutschen Freunden  haben natürlich fast alle kräftig mitgetanzt.  Auch wenn die heimischen Damen nicht ganz uninteressiert an den Besuchern waren, haben ihre Männer mit Argusaugen über ihrer Tugend gewacht. Unter sich geht es lockerer zu,  unser Freund Gildo hat 4 Kinder, alle von anderen Frauen und auch viele Mitarbeiterinnen haben ihre Kinder ohne Mann bekommen und ernähren sich und ihre Kinder durch  ihre Arbeit.  Manche Kinder sind ein Gewächs der Fazenda, Vaginho und Alison, die Söhne von Bidao, sind von den anderen Vaqueiros gross gezogen. Ihr Vater ging mit seiner neuen Frau auf eine andere Fazenda und sie blieben, da sie die neue Stiefmutter nicht  akzeptieren wollten. Heute tanzen sie hier mit uns und einer ist schon verheiratet mit Kind, ich kenne ihn noch als kleinen Steppke.
                                                  Kinder von der Fazenda
Die Musik hat voll aufgedreht, es wird gegessen, getrunken und fast alle Frauen tanzen, von den Männern nur wenige.  Ein unermüdlicher Tänzer ist Carlindo, ein kräftiger Mulatte, der fast alle Zäune auf der Fazenda gebaut hat. Ein sympathischer Mensch, von allen anerkannt. Wir sitzen unter dem Dach im Schatten, aber durch die Luftfeuchtigkeit und die Aussentemperatur von 32° ist es am Tisch unerträglich heiss.  Allen Tänzern fliesst der Schweiss, die  T-Shirts kleben am Körper, trotzdem wird ohne Pause getanzt, bis zum Umfallen.  Da fällt wegen eines entfernten Gewitters der Strom aus.  Das Notstromagregat springt nicht an.  Zé der Mann für alle Notfälle,  setzt sich in eine Lastwagen,  um  von Agua Verde einen Motor zu besorgen, denn ohne Motor auch keine Musik.  Während er noch unterwegs ist, kommt die Energie zurück, die Musik springt wieder an. Dieses Jahr feiert Paulo Viheira mit uns.  Schon vor 10 Jahren hat er mit der Kunst in der Fazenda begonnen. dieses Jahr soll die alte Sägemühle in Kunst verarbeitet werden. Er ist einer unserer fleissigsten Tänzer. Ich freue mich auf die Kunst die uns das nächste Mal begrüssen wird.
                                                   Paulo und Marcia
Ich flüchte aus der Hitze  der Scheune an den Fluss.  Einige Kinder sind im Wasser und kühlen sich ab. Der kleine Fluss kommt aus der Serra und das Wasser hat gefühlte 24°, was einen richtigen Kälteschock verursacht, aber die Körpertemperatur wieder in normale Bereiche bringt. Den ganzen Nachmittag wird abgetanzt,  manchmal mische ich mich unter die Tänzer und muss in der Mitte vortanzen, zur Freude der dicken Damen.  Gegen 6 Uhr geht die Sonne unter.  In der Dämmerung ist die Stimmung angeheizt, die Musiker scheinen keine Müdigkeit zu kennen, die Tänzer auch nicht.  Die Kleidung der Tänzer kann man auswringen. Fasst man eine Tänzerin an,  klebt   die Hand   am kalten Schweiss fest.  Ohne Pause wird getanzt.   Die Stimmung ist vom Alkohol angeheizt. Aber alles ist fröhlich und  es gibt keine Alkoholausfälle. 
                                                Abkühlung im Schwimmbad
Auch der Grill dampft vor sich hin,  immer wieder wird neues Fleisch aufgelegt,  die Nationalspeise hier im Landesinneren. Diego ergreift das Mikrofon und singt über die Mitarbeiter, über Freundschaften und seine Entführung. Alle sind sehr ergriffen und jubeln ihm zu, er  scheint bei den Mitarbeitern sehr beliebt zu sein.
Um  19 Uhr ziehen wir uns zurück. Plötzlich ein Schuss, aufgeregt rennen die seguranca nach oben, zum Wohnhaus, wo der Schuss fiel.  Bald klärt sich die Konfusion, Diego hat nur seine Freude über das Fest mit einem Pistolenschuss zum Ausdruck gebracht. Völlig erschöpft legt er sich ins Bett und schläft auf der Stelle ein. Wir anderen folgen seinem Beispiel.  In der Scheune aber wird weiter gerockt,  noch immer drehen sich die Dicken im Kreise, ohne  Ermüdung, erst am nächsten Tag stellt sich der Muskelkater ein. Endlich um Mitternacht wird die Musik  abgedreht und  nur langsam begeben sich die Menschen in ihre Häuser zurück. 
                                                       Abendhimmel über der Fazenda

Freitag, 19. Oktober 2012

An den Stränden von Pipa

                            Wechsel von Felsen und Sand und dahinter die bewaldete Küste

Wenn man von Natal  die BR 101 in Richtung Süden fährt, dann  kann man sich nicht mehr vorstellen, dass noch vor drei Jahren auf dieser wichtigen Verbindungsstrasse, die vom äussersten Norden bis in den Süden des Landes führt, nur zweispuriger Verkehr möglich war. Jetzt hat sich die Fahrzeit nach Praia de Pipa auf eine knappe Stunde verkürzt und die Strasse  ähnelt einer Autobahn.  Wir befinden uns im Nordosten von Brasilien, bis vor wenigen Jahren von Armut geprägt.  Wegen der armen sandigen Böden war Landwirtschaft nur eingeschränkt möglich und der Anbau bestand im wesentlichen aus Zuckerrohr und Kokosnussplantagen. Durch den Verfall des Zuckerpreises im  18. Jahrhunder fiel diese Landschaft in bittere Armut. Heute hat die Gegend einen enormen Aufschwung erfahren,  Zuckerrohr ist ein begehrtes Produkt für die Herstellung von   Biosprit  geworden. Die ganze Gegend ist landwirtschaftlich genutzt und es werden jährlich 2 bis 3  Zuckerrohrernten eingefahren.  Über Goianinha, einer schläfrigen Provinzstadt, die durch die neue Prosperität wieder zu Leben erwacht,  geht es durch  kleine Dörfer auf einer Nebenstrasse nach  Tibau do Sul und dann weiter nach Praia de Pipa. Ich wohne wieder in der Pousada Thalassa, die jedes Jahr schöner wird.
                                          Open Air Lounge in Pousada Thalassa

Bis vor wenigen Jahren war Praia de Pipa ein kleines Fischerdorf, mit wenigen hundert Einwohnern.  Dann kamen die  ersten Touristen, meistens noch Hippies und entdeckten die goldenen Strände um Pipa.  Oft waren dies Europäer,  Portugiesen, Spanier und Italiener, die sich hier wohlfühlten. Noch heute sind die altgewordenen Hippies mit dem Verkauf von selbstgefertigtem Schmuck beschäftigt.  Der Charakter des alten Fischerdorfes mit seinen armen Hütten und seinem Kopfsteinpflaster ist erhalten geblieben.  Der ganze Ort besteht praktisch nur aus  einer gepflasterten Hauptstrasse,  nur wohnen heute in den Häusern nicht mehr die Fischer, sondern ein Restaurant, Laden und Bar reiht sich aneinander.  Abends wacht diese  Hauptstrasse auf und  es findet  eine Völkerwanderung statt. Hauptsächlich junge Leute aus  aller Herren Länder feiern  die Nacht durch und enden in der einzigen  Diskothek, dem Calango.

                                          Praia do Amor

Für mich sind in Pipa die Strände  am Schönsten. Der unabhängige Führer Quatro Rodas zählt die Strände um Pipa zu den schönsten in Brasilien.  Um alles erforschen zu können, sollte man sich einen kleinen Mietwagen oder einen Motorroller mieten.  Den Hauptstrand von Pipa erreicht man direkt vom Zentrum.  Die Dorfvorsteher haben dort  einen kleinen Platz geschaffen, den es vorher nicht gab.  Dort führen die jugendlichen abends Tänze auf  und  treffen sich, weil das Taschengeld noch nicht reicht, um am Nachtleben teilzunehmen. Am Haupstrand reiht sich eine  Barraca an die andere.  Barracas sind die kleinen Strandrestaurants in Brasilien, in denen man Getränke und  Fisch bekommt.  Die Plastiktische und Stühle stehen mit ihren Schirmen meist bis ins Wasser. Die Brasilianer lieben es  ihr Cerveza  und Essen mit dem Füssen im Wasser einzunehmen.  Das vermittelt ihnen das echte Urlaubsgefühl.  Hingegen gehen sie nicht  so gerne ins Meer, vielleicht können viele nicht schwimmen, sondern verbringen nach ihrem Strandmorgen den ganzen Nachmittag im Pool ihrer Pousada.  Das Meer hat den Hauptstrand wieder einmal verändert. Im letzten Jahr war zwischen den Barracas und dem Strand eine Lagune entsstanden und die Kellner mussten durch diese flache Lagune waten, um das Essen  zu  ihren Gästen zu bringen. Dieses Jahr ist die Lagune verschwunden und der eigentliche Strand breiter geworden.  Schon auf dem Weg zum Strand wird man von zahlreichen Schleppern angesprochen, die ihre  Restaurants und  Schiffe empfehlen, mit denen die Feriengäste  eine Reise entlang der Küste unternehmen können.

                                          Barraca am Strand

Ich ziehe es vor dem Trubel des Haupstrandes zu  entweichen und wandere langsam durch den feinkörnigen Sand  in Richtung Süden.  Der Charme dieser Küste liegt  in  dem Wechsel von Sand und Felsen. Jetzt bei zurückweichendem Wasser,  die Gezeiten sind hier stark ausgeprägt,  kommen Felsen aus dem Wasser und bilden kleine Badebecken, in denen die Brasilianer mit ihren  Kindern sitzen und vergnügt planschen.  Hier an der Ostküste des Landes spielt sich das Badeleben am Vormittag bis ca 15 Uhr ab. Dann fangen die Schatten der steilen Felsenkuste  allmählich den Strand einzunehmen und die  Sonnensuchenden wandern ab in ihre jeweiligen Pousadas.  Ich gehe  vorbei an dem Kap, das man jetzt bei Ebbe umrunden kann, durch malerische Felsengruppen, zwischen denen immer der goldene Sand liegt und  komme an den Praia do Amor.  In der Karte steht hier auch der Name Praia dos Afogados,  der Strand der Ertrunkenen.  Dieser Name war wohl für den Tourismus nicht förderlich und die Stadtväter haben ihn dann in den Liebesstrand umgetauft. Der Strand ist ein reiner Sandstrand, ohne Felsen, hat eine ausgeprägte Brandung, weil es keine vorgelagerten Riffs gibt und es gibt auch Unterströmungen.  Wer es gewohnt ist, mit den Wellen und Strömungen zu schwimmen, geht kein grösseres Risiko ein.  Man sollte aber ein sicherer Schwimmer sein und die grossen Wellen untertauchen können.  Hier gibt es auch eine Barraca die Liegestühle verleiht,  und ein langer menschenleerer Strand mit Kokosnussbäumen gesäumt  lädt zum Spazierengehen ein.  Der Strand endet am Chapadao, einer steilen Felsenwand, die direkt ans Wasser reicht.  Von oben hat man einen wunderbaren Blick  über die Küste und Strände. In der Barraca esse ich einen ausgezeichneten Weissfisch und trinke einen Chope  Skol,  das  brasilianische Wort chope  kommt aus der deutschen Biertradition,  die Marke Skol aus dem skandinavischen – überall trifft man auf die Spuren der Einwanderer.

                                 Praia do Amor

Geht man den Strand weiter, so kommt man über den menschenleeren Praia das Minas bis zum nächsten Ort  Sibauma.   Hier soll im 17. Jahrhundert ein Sklavenschiff gestrandet sein. Die Überlebenden wurden nicht versklavt sondern gründeten ein Quilombo, einen Ort für befreite Sklaven.  Die Bewohner sollen noch direkt von dieser überlebenden Sklavenfracht abstammen.
Am nächsten Morgen möchte ich die Nordstrände von  Pipa erforschen. Oft bin ich über den Strand im Zentrum von Pipa bei Ebbe zum Praia do Corral  gegangen,  das geht allerdings nur, wenn die Ebbe Tiefstand hat und man über die Steine  am Kap klettern kann. Dafür belohnt dieser  Strand einen mit Einsamkeit, keine Liegestühle, nur der golden glänzende Sand  in den zurückweichenden Wellen und draussen die spielenden Delfine.

                                            Praia do Madeiro

Es ist aber Flut, und ich kann nicht zu Fuss gehen. Ich nehme meinen Mietwagen und fahre an den  Praia do Madeiro, den beliebtesten Badestrand von Pipa. Der Zugang zum Strand ist ein bisschen  beschwerlich, über eine Holztreppe geht es den bewaldeten Steilhang hinab.  Unten hat das Meer  wieder ein Stück mehr von  der vorgeschobenen Palmenküste weggefressen. Es sind weniger Barracas und Strandliegen als im letzten Jahr vorhanden.  Angeblich hat IBAMA,  die staatliche Naturschutzbehörde,  den Abriss von wilden Strandbauten verfügt. Auch die recht urige Strandhütte des Inhabers der Diskothek Joy auf Teneriffa ist verschwunden. Hier hatten wir in Hängematten im letzten Jahr noch eine guten Caipirinha getrunken und uns über die alten Zeiten in Teneriffa unterhalten.  Nur die Verleiher von Surfbrettern  sind die gleichen geblieben. Die  starken Passatwinde sorgen für einen schönen Wellengang,  ideal für Surfer. Neu sind   die zahlreichen Kitesurfer, die sich vom Wind über die Wellen tragen lassen. Die abgerissenen Strandbuden vermisst man nicht,  die Natur wird zurückgebaut.

Ich mache einen langen Strandspaziergang über den Praia do Madeiro bis zum Praia da  Cacimbinha. Hat man einmal die  Liegestühle an den Treppen verlassen, ist bald kein Spaziergänger mehr in Sicht. Der Strand  bietet sich in seiner ganzen Ursprünglichkeit an.  Umgestürzte Palmen, unterspültes Wurzelwerk,  alles was das Meer anspült,  kaum Plastikreste,  eine noch kaum berührte Natur zu der man nur über die wenigen Treppen gelangen kann, die an der Steilküste vorhanden sind.  Bis zur Punta de Pirambú  gelange ich nicht. Eine sehr schöne gepflegte Anlage am Hang, von einem Deutschen angelegt, in der man in clubähnlicher Atmosphäre den Tag auf Liegestühlen  am Pool  oder im Restaurant verbringen kann. Der Zugang zu der Anlage erfolgt über eine altmodische Holzseilbahn, die man skeptisch betrachtet, aber die einen sicher ans  Ziel bringt.
                                Fähre über die Lagoa Guarairas

Ich gehe den Strand zurück um rechtzeitig zum Sonnenuntergang in Tibaul do Sul zu sein. Tibaul do Sul ist die Prefeitura des Verwaltunsbezirkes für Pipa. Mit etwas weniger Tourismus zeigt Tibaul  noch mehr die originären  Strukturen eines kleinen Fischerortes  im Nordosten. Den Charme dieses Ortes macht die Lagoa Guarairas  aus. Eine riesige Wasserlandschaft, die sich an dieser Stelle durch einen schmalen Durchbruch tief in das Land hineinerstreckt. In der Lagune befindet sich der kleine Hafen  von Tibau, der nur bei Flut angesteuert werden kann.  Eine landestypische Fähre stellt die Verbindung zur anderen Seite her.  Auf der anderen Seite der Bucht erstreckt sich die unberührte Dünenlandschaft von Marembá.  Bei Ebbe kann man mit einem Strandbuggy oder Vierradantrieb übersetzen und am Strand  nach Buzios fahren.  Eine äusserst lohnenswerte Fahrt, die einen die Abenteuer einer Wüstenlandschaft erleben lässt.
Es ist schon spät und um 17.30 h geht die Sonne unter. Ich verlasse die Strandbuden von Tibau und fahre auf den kleinen Besucherparkplatz des Hotels Marinas, das direkt über der Lagoa  liegt.  Eine vorgelagerte kleine Holzplatform mit Creperie und Bar ist schon gut besetzt. Alles wartet auf den Sonnenuntergang. Bei einem Sundowner und klassischer Musik  schiebt sich langsam der Sonnenball in die Lagune.  Die Menschen hören auf zu sprechen, dieses immer wieder gewaltige Naturschauspiel lässt sie verstummen.  Nur  das Summen und Piepsen der Kameras ist noch zu hören. 

                                Sonnenuntergang über der Lagoa  Guarairas

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Von Brasilia nach Marabá

Es ist immer ein langer Flug, wenn man sich in Frankfurt ins Flugzeug setzt und die 10 Stunden nach Recife durchfliegt. Diesmal ging es noch gleich weiter bis Brasilia, wo ich mich mit Markus, dem Freund von Andreas treffen wollte. Die erste Nacht ist immer mühsam. Wenn es 3 Uhr nachts ist, dann signalisiert das Körpersystem 8 h morgens, und ohne recht Schlaf gefunden zu haben springt man bereits in den neuen Tag. Wie das bei den Flugbegleitern und Piloten funktioniert ist mir nicht nachvollziehbar. Ich treffe mich mit Markus pünktlich morgens zum Frühstück im Melia und wir beschliessen noch etwas von der Stadt zu sehen. Markus ist zum ersten Mal dort. Man kann sich nicht der Vision entziehen die der Architekt Oskar Niemeyer und der damalige Präsident Joselino Kubitschek von ihrer künftigen Hauptstadt hatten. Ich kenne keine andere Stadt, in der so konsequent ein architektonisches Konzept durchgezogen wurde. Die Grosszügigkeit der Planung hat Avenidas geschaffen, die in ihrer Ausdehnung und Breite kaum vom Fussgänger überquert werden können. Markus kommentierte: eine Idealstadt für den Autofahrer.

Grosszügige Planung

Die Architektur für das Regierungsviertel ist aus einem Guss. Ob uns die Architektur heute noch zusagt ist eine andere Frage. Eindrucksvoll ist die Konsequenz, mit der das architektonische Konzept umgesetzt wurde. Die Unesco hat Brasilia zum Weltkulturerbe erklärt. Und auch in kommenden Jahren wird die Konsequenz der Leistung mit Sicherheit gewürdigt werden. Für mich steht fest, Brasilia ist eine der grosszügigsten Städte der Welt, und es ist nicht eine Stadt aus der Retorte geworden, inzwischen leben im Grosskreis der Stadt 3,5 Mio Menschen, die Stadt hat also auch nach Außen Atraktivität erhalten.


Die beiden Häuser des Congresses

Mit einem Taxi fahren wir vorbei an den beiden Kammern des Kongresses, in Form zweier sich ergänzender Halbschalen, an der Kathedrale, die erst im Innern ihre volle Wirkung entfaltet, am Präsidentenpalais, wo heute Dilma Rousseff als Präsidentin regiert. Die Präsidentin Dilma ist aus dem Widerstand gegen das Militärregime in die Politik gekommen und setzt als Nachfolgerin von Lula dessen erfolgreiche Wirtschafts-und Sozialpolitik fort.
Über die geschwungenen Brücken über den Stausee verlassen wir das Regierungsviertel und fahren durch grosszügige Wohngebiete von Politikern und Diplomaten. Alles ist parkähnlich angelegt, und die Lebenqualität hier ist nicht zu unterschätzen.


Brücke über den Stausee


Nur der Flughafen passt nicht in das Bild einer grosszügig geplanten Hauptstadt.  Der Flughafen platzt aus allen Nähten und unser Flug geht in einem Behelfsbau ab, der für eine neue erfolgreiche Nation  unwürdig ist. Ähnlich  chaotische Verhältnisse kenne ich nur aus Sao Paulo, wo der Flughafen noch mehr in die Jahre gekommen ist.  Der Flughafen in Brasilia ist ein Drehkreuz, von hier fliegen  die Verbindungsflüge in die verschiedensten Richtungen ab.  Unser Flug geht nach Maraba,  immerhin ein 2 Stunden Flug.  Für die Fussballweltmeisterschaft und für die Olympischen Spiele wird da noch einiges geschen müssen.
                                         Mündung des Itacaiuna  in den Tocantins und Stadt Maraba

Ganz anders der kleine Flughafen in Marabá.  Da freut man sich, dass noch alles klein und persönlich ist.   Markus hat zwar seine Probleme mit den schlecht ausgebildeten  Mitarbeitern gehabt, seine ohnehin begrenzte Freude,  über die USA  zu fliegen, wurde zusätzlich getrübt durch die Inkompetenz der TAM  Mitarbeiter, die keine internationalen Reisenden bedienen können.       Dabei ist Maraba Zentrum einer sich  in Brasilien schnell entwickelnden Wirtschaftszone.  Wenn es früher wesentlich von Viehzucht und  Goldfunden in der nahegelegenen  Serra Pelada bestimmt war, so ist heute die Nähe zu Carajas bestimmend.  In  Carajas werden von der  VALE   die bedeutendsten Erzfunde der Welt gefördert.  Im Umkreis von 150 km  gibt es 8 neue Hüttenbetriebe. Die  Erzvorkommen können für 150 Jahre den Erzbedarf der Welt decken.
                                                   Carajas,  Erzminen

Für mich, der ich seit  25 Jahren in die Region komme, hat sich wenig verändert. Der Flughafen ist gleich geblieben, die Stadt sieht nach wie vor wie im Wilden Westen aus. Und wir sitzen zum Essen noch in den gleichen Restaurants wie vor 25 Jahren. An dem gewaltigen Fluss Tocantins, der in Maraba sich mit dem Fluss Itacaiuna  vereinigt sitzen wir an der Flusspromenade und essen  einen köstlichen Weissfisch , den Tucunaré,  in einer Moqueca aus  Kokusnusswasser und  -milch. Markus der aus Tokio nun die feinsten  Genüsse der japanischen Fischküche verinnerlicht hat, ist von diesem einfachen brasilianischen Gericht begeistert, das mit  Pirao serviert wird. Ich selber gestehe, dass ich auch lange nicht mehr eine so gute Moqueca gegessen habe.  Ein kleiner dünner Junge tritt an unseren Tisch  um zu betteln. Früher hätten wir ihm von unserem Essen abgegeben, aber hier hilft der Familie  ein kleiner Geldbetrag mehr.


                                                       Moqueca mit Tucunaré

Noch ist der Tocantins  jetzt im Monat Oktober kurz vor der Regenzeit  auf Tiefstand.  Gewaltige  Sandbänke  ragen aus den Wassern. Auf den Sandbänken sind  kleine Hütten provisorisch errichtet, in dennen Essen und Getränke verkauft werden. Den Sommer verbringen die Stadtbewohner  auf den Sandbänken beim Baden und Fischen. Der Sommer hier oben im Amazonasgebiet ist identisch mit unserem Sommer in Europa.  Wir haben heisse Tage und  kühle Nächte. Im Süden von Brasilien ist es  hingegen Winterzeit, mit niedrigen Temperaturen, die allerdings in den Subtropen gemässigt ausfallen.
                                             Goldmine in der Serra Pelada (Sebastiao Salgado)

Vor 25  Jahren hatte die Stadt  kaum mehr als 100.000 Bewohner. Ich erinnere mich noch an die grossen  Lager der Garimpeiros, den Goldsuchern, die man aus der Serra Pelada vertrieben hatte und die aus Protest vor den Regierungsgebäuden lagerten, um eine Entschädigung zu erhalten, die man ihnen versprochen hatte.  Ob  ihnen das gelungen ist, entzieht sich meiner Kenntnis,  heute sind sie jedenfalls nicht mehr da und die durchgewühlte Serra versucht sich wieder zu erholen. Maraba lebt heute nicht mehr von  den Erträgen der Goldsucher, das sind vergangene Zeiten. Heute  hat es 240.000 Einwohner und ist für die ganze Gegend ein Wirtschaftszentrum mit den notwendigen Infrastruktureinrichtungen, wie Flugplatz, Rodoviaria, Flusshafen, Strassen  und vor allem  mit allen Einkaufsmöglichkeiten  für die umliegenden  Viehfarmen.  Von hier  aus gibt es auch eine neue Bahnverbindung nach Sao Luis, wo die Erztransporte verschifft werden.  Östlich von Maraba  nur wenige  Kilometer entfernt,  beginnt der riesige Stausee von Tucurui, eines der grössten  brasilianischen Wasserkraftwerke.

                                                             Tucurui Staudamm
Für den Süden  des Riesenstaates Pará  ist  Maraba die  Einkaufsmetropole.  Dieser riesige Staat, ist 3,5  mal so gross  wie die Bundesrepublik und wird von dem entfernten Belém  an der Amazonasmündung regiert.  Im Süden des Staates  um Maraba und Carajas macht sich mit seiner  starken Wirtschaftstruktur zunehmend  Unzufriedenheit breit, weil die Verwaltung nicht effizient von Belem aus arbeiten kann.  Schon in der Vergangenheit haben sich in Brasilien  Staaten  abgespalten um effizienter verwaltet zu werden.  Diese Tendenzen sind auch im Süden von Para zu erkennen.
Unser alter Freund Noe von Atzingen  ist  hier Leiter des Kulturzentrums.  Im  Kulturzentrum werden die  Reste der Indianerkultur gesammelt und  die Fauna und Flora des Landes  erforscht. Noe hat einer der grössten Sammlungen  von wilden Orchideen und in unserem Dorf am Fluss, in den Casas de Umberto,  sieht man an den Bäumen  überall die wilden Orchideen, die in der Zeit  von Noe als Präsident der Fundacion dort  gepflanzt wurden.
Leider reicht unsere Zeit nicht  für einen Besuch im Kulturzentrum, sondern wir müssen uns  auf die Transamazonica  machen um rechtzeitig  vor Dunkelheit die Farm zu erreichen. 

                        Karte der Transamazonica, unsere Fahrt von Maraba nach Palestina