Selten ist die
Fazenda so grün wie im Januar. Im Süden von Brasilien ist jetzt Hochsommer, die
Kinder haben Schulferien. Bei uns im
Norden hat die Regenzeit begonnen. Seit
Oktober haben die Regenfälle eingesetzt und überall empfängt uns sattes
Grün. Die Temperatur steigt selten über
30° und nachts herrschen angenehme
Schlaftemperaturen um 23°. Die Luftfeuchtigkeit
ist hoch, selbst unsere Damen verzichten auf die Gesichtscreme, die Haut fühlt
sich wunderbar weich an.
Fest in der Scheune
Schon seit Tagen wird das Jahresfest für die Angestellten
der Fazenda geplant. Im grossen Schuppen
wird sauber gemacht, Tische und Stühle werden aus dem Dorf geholt, ein Rind ist
schon vor einer Woche geschlachtet worden und hängt in der neuen Kühlkammer zum
Reifen. Diego und ich lassen uns durch den Vorbereitungsrummel nicht
stören. Jeden Morgen reiten wir aus und besichtigen die Arbeit auf der Fazenda. So gut hat die Fazenda noch
nie ausgesehen. Langsam ist sichtbar , wie die Arbeit vieler Jahre die Weiden verbessert hat, das Unkraut wurde
zurückgedrängt und alles befindet sich
in einem perfekten Zustand. Eine
besondere Freude ist es die Herden anzusehen. Gerade ist die Zeit der
Kälbergeburten zu Ende gegangen und das Team um Reino ist damit beschäftigt die
Kühe wieder zu besamen. Überall sehen
wir die Rinderherden mit ihren kleinen
Kälbern und die Mütter, die sofort einen wehrhaften Verteidigungsring um ihre Kleinen
bilden.
Weisse Ceburinder (Nelore)
Wenn die trocken Sommermonate zu Ende gehen und die Weiden
wieder ihr kräftiges Wachstum beginnen, die Rinder ihr Jungen bekommen haben, dann ist es Zeit das Erntedankfest zu feiern,
dem Reichtum der Natur zu danken, der Fruchtbarkeit der Jahreszeiten, der
Fruchtbarkeit der Rinder, und vor allem
den Menschen, die in dieser Natur leben, die Weiden pflegen und die Rinder
betreuen.
Unser Churrasco
Das Fest beginnt mittags.
Der Grill ist schon einige Stunden vorher geheizt und grosse
Rauchschwaden steigen langsam in den warmen Sonnentag. Die Sonne ist uns
wohlgesonnen, heute sind keine Regenwolken aufgezogen und ein Teil der Kinder
vergnügt sich unten im aufgestauten Bach und die Jugendlichen spielen noch
Fussball, bevor sie sich zum Churrasco einfinden. Eine Band aus Ananas probiert ihre Verstärker
aus und von überallher treffen die Mitarbeiter ein, um mit uns zu feiern.
Alle hören gespannt zu
Jetzt ist es soweit, Gildo hat schon seit einiger Zeit die
grossen Steaks und Rippen auf dem Grill, der Duft hüllt uns alle ein und natürlich gibt es dazu Reis, Feijao, Vinagrete, verschiedene Arten
von Kartoffeln und gekochtes Manniok. Dazu fliesst das lokale Bier „Skol“ in Strömen, wahrscheinlich trinken
einige Männer, etwas versteckt vor ihren Frauen, ein Gläschen Pinga, das Nationalgetränk, ein Zuckerrohrschnaps.
Zuerst gibt es eine
grosse Ansprache, alle müssen noch mit dem Essen warten, und dann ist es
endlich soweit, alles setzt sich, die Kinder rennen als erste an den Grill und
dann folgen langsam die Erwachsenen, es ist
so viel Fleisch da, dass alle bis Mitternacht essen können.
Eine unermüdliche Band
Sofort setzt die Musik ein.
Gespielt wird Forró, Reggae, Brega, MPB,
Pop & Rock. Sofort eilen die
Frauen und Mädchen auf die Tanzfläche, die Herren halten sich vornehm
zurück. Mir fällt auf, dass in den letzten 10 Jahren die
Gewichte der Damen kräftig zugelegt haben. Seit
der Regierungszeit von Lula sind
die Einkommen gestiegen und das wird zunächst in Essen umgesetzt. Ich erinnere mich an die Zeit nach 1947, als die Menschen in Deutschland plötzlich
dick wurden, weil die Fresswelle eingesetzt hatte. Wenn von den hübschen
Brasilianerinnen gesprochen wird, dann gilt das kaum für die einfachen Menschen. Bis zu mittleren Einkommen sind die Menschen
zu dick. Das gilt nicht für den Süden
des Landes, wo eine ausgeprägte Körperkultur herrscht und die Strände mit
hübschen Mädchen bevölkert sind. In den
nächsten Jahren wird sich auch im Norden das Schönheitsideal verändern.
Die Damen beherrschen die Tanzfläche
Bei den Besuchen von deutschen Freunden haben natürlich fast alle kräftig
mitgetanzt. Auch wenn die heimischen
Damen nicht ganz uninteressiert an den Besuchern waren, haben ihre Männer mit
Argusaugen über ihrer Tugend gewacht. Unter sich geht es lockerer zu, unser Freund Gildo hat 4 Kinder, alle von
anderen Frauen und auch viele Mitarbeiterinnen haben ihre Kinder ohne Mann
bekommen und ernähren sich und ihre Kinder durch ihre Arbeit.
Manche Kinder sind ein Gewächs der Fazenda, Vaginho und Alison, die
Söhne von Bidao, sind von den anderen Vaqueiros gross gezogen. Ihr Vater ging
mit seiner neuen Frau auf eine andere Fazenda und sie blieben, da sie die neue
Stiefmutter nicht akzeptieren wollten.
Heute tanzen sie hier mit uns und einer ist schon verheiratet mit Kind, ich
kenne ihn noch als kleinen Steppke.
Kinder von der Fazenda
Die Musik hat voll aufgedreht, es wird gegessen, getrunken
und fast alle Frauen tanzen, von den Männern nur wenige. Ein unermüdlicher Tänzer ist Carlindo, ein
kräftiger Mulatte, der fast alle Zäune auf der Fazenda gebaut hat. Ein
sympathischer Mensch, von allen anerkannt. Wir sitzen unter dem Dach im
Schatten, aber durch die Luftfeuchtigkeit und die Aussentemperatur von 32° ist
es am Tisch unerträglich heiss. Allen Tänzern
fliesst der Schweiss, die T-Shirts
kleben am Körper, trotzdem wird ohne Pause getanzt, bis zum Umfallen. Da fällt wegen eines entfernten Gewitters der
Strom aus. Das Notstromagregat springt nicht
an. Zé der Mann für alle Notfälle, setzt sich in eine Lastwagen, um von
Agua Verde einen Motor zu besorgen, denn ohne Motor auch keine Musik. Während er noch unterwegs ist, kommt die
Energie zurück, die Musik springt wieder an. Dieses Jahr feiert Paulo Viheira mit uns. Schon vor 10 Jahren hat er mit der Kunst in der Fazenda begonnen. dieses Jahr soll die alte Sägemühle in Kunst verarbeitet werden. Er ist einer unserer fleissigsten Tänzer. Ich freue mich auf die Kunst die uns das nächste Mal begrüssen wird.
Paulo und Marcia
Ich flüchte aus der Hitze
der Scheune an den Fluss. Einige
Kinder sind im Wasser und kühlen sich ab. Der kleine Fluss kommt aus der Serra
und das Wasser hat gefühlte 24°, was einen richtigen Kälteschock verursacht,
aber die Körpertemperatur wieder in normale Bereiche bringt. Den ganzen
Nachmittag wird abgetanzt, manchmal mische
ich mich unter die Tänzer und muss in der Mitte vortanzen, zur Freude der
dicken Damen. Gegen 6 Uhr geht die Sonne
unter. In der Dämmerung ist die Stimmung
angeheizt, die Musiker scheinen keine Müdigkeit zu kennen, die Tänzer auch
nicht. Die Kleidung der Tänzer kann man
auswringen. Fasst man eine Tänzerin an,
klebt die Hand am
kalten Schweiss fest. Ohne Pause wird getanzt. Die Stimmung ist vom Alkohol angeheizt. Aber
alles ist fröhlich und es gibt keine
Alkoholausfälle.
Abkühlung im Schwimmbad
Auch der Grill dampft vor sich hin, immer wieder wird neues Fleisch
aufgelegt, die Nationalspeise hier im
Landesinneren. Diego ergreift das Mikrofon und singt über die Mitarbeiter, über
Freundschaften und seine Entführung. Alle sind sehr ergriffen und jubeln ihm
zu, er scheint bei den Mitarbeitern sehr
beliebt zu sein.
Um 19 Uhr ziehen wir
uns zurück. Plötzlich ein Schuss, aufgeregt rennen die seguranca nach oben, zum
Wohnhaus, wo der Schuss fiel. Bald klärt
sich die Konfusion, Diego hat nur seine Freude über das Fest mit einem
Pistolenschuss zum Ausdruck gebracht. Völlig erschöpft legt er sich ins Bett
und schläft auf der Stelle ein. Wir anderen folgen seinem Beispiel. In der Scheune aber wird weiter gerockt, noch immer drehen sich die Dicken im Kreise,
ohne Ermüdung, erst am nächsten Tag
stellt sich der Muskelkater ein. Endlich um Mitternacht wird die Musik abgedreht und
nur langsam begeben sich die Menschen in ihre Häuser zurück.
Abendhimmel über der Fazenda