Mittwoch, 10. Oktober 2012

Von Brasilia nach Marabá

Es ist immer ein langer Flug, wenn man sich in Frankfurt ins Flugzeug setzt und die 10 Stunden nach Recife durchfliegt. Diesmal ging es noch gleich weiter bis Brasilia, wo ich mich mit Markus, dem Freund von Andreas treffen wollte. Die erste Nacht ist immer mühsam. Wenn es 3 Uhr nachts ist, dann signalisiert das Körpersystem 8 h morgens, und ohne recht Schlaf gefunden zu haben springt man bereits in den neuen Tag. Wie das bei den Flugbegleitern und Piloten funktioniert ist mir nicht nachvollziehbar. Ich treffe mich mit Markus pünktlich morgens zum Frühstück im Melia und wir beschliessen noch etwas von der Stadt zu sehen. Markus ist zum ersten Mal dort. Man kann sich nicht der Vision entziehen die der Architekt Oskar Niemeyer und der damalige Präsident Joselino Kubitschek von ihrer künftigen Hauptstadt hatten. Ich kenne keine andere Stadt, in der so konsequent ein architektonisches Konzept durchgezogen wurde. Die Grosszügigkeit der Planung hat Avenidas geschaffen, die in ihrer Ausdehnung und Breite kaum vom Fussgänger überquert werden können. Markus kommentierte: eine Idealstadt für den Autofahrer.

Grosszügige Planung

Die Architektur für das Regierungsviertel ist aus einem Guss. Ob uns die Architektur heute noch zusagt ist eine andere Frage. Eindrucksvoll ist die Konsequenz, mit der das architektonische Konzept umgesetzt wurde. Die Unesco hat Brasilia zum Weltkulturerbe erklärt. Und auch in kommenden Jahren wird die Konsequenz der Leistung mit Sicherheit gewürdigt werden. Für mich steht fest, Brasilia ist eine der grosszügigsten Städte der Welt, und es ist nicht eine Stadt aus der Retorte geworden, inzwischen leben im Grosskreis der Stadt 3,5 Mio Menschen, die Stadt hat also auch nach Außen Atraktivität erhalten.


Die beiden Häuser des Congresses

Mit einem Taxi fahren wir vorbei an den beiden Kammern des Kongresses, in Form zweier sich ergänzender Halbschalen, an der Kathedrale, die erst im Innern ihre volle Wirkung entfaltet, am Präsidentenpalais, wo heute Dilma Rousseff als Präsidentin regiert. Die Präsidentin Dilma ist aus dem Widerstand gegen das Militärregime in die Politik gekommen und setzt als Nachfolgerin von Lula dessen erfolgreiche Wirtschafts-und Sozialpolitik fort.
Über die geschwungenen Brücken über den Stausee verlassen wir das Regierungsviertel und fahren durch grosszügige Wohngebiete von Politikern und Diplomaten. Alles ist parkähnlich angelegt, und die Lebenqualität hier ist nicht zu unterschätzen.


Brücke über den Stausee


Nur der Flughafen passt nicht in das Bild einer grosszügig geplanten Hauptstadt.  Der Flughafen platzt aus allen Nähten und unser Flug geht in einem Behelfsbau ab, der für eine neue erfolgreiche Nation  unwürdig ist. Ähnlich  chaotische Verhältnisse kenne ich nur aus Sao Paulo, wo der Flughafen noch mehr in die Jahre gekommen ist.  Der Flughafen in Brasilia ist ein Drehkreuz, von hier fliegen  die Verbindungsflüge in die verschiedensten Richtungen ab.  Unser Flug geht nach Maraba,  immerhin ein 2 Stunden Flug.  Für die Fussballweltmeisterschaft und für die Olympischen Spiele wird da noch einiges geschen müssen.
                                         Mündung des Itacaiuna  in den Tocantins und Stadt Maraba

Ganz anders der kleine Flughafen in Marabá.  Da freut man sich, dass noch alles klein und persönlich ist.   Markus hat zwar seine Probleme mit den schlecht ausgebildeten  Mitarbeitern gehabt, seine ohnehin begrenzte Freude,  über die USA  zu fliegen, wurde zusätzlich getrübt durch die Inkompetenz der TAM  Mitarbeiter, die keine internationalen Reisenden bedienen können.       Dabei ist Maraba Zentrum einer sich  in Brasilien schnell entwickelnden Wirtschaftszone.  Wenn es früher wesentlich von Viehzucht und  Goldfunden in der nahegelegenen  Serra Pelada bestimmt war, so ist heute die Nähe zu Carajas bestimmend.  In  Carajas werden von der  VALE   die bedeutendsten Erzfunde der Welt gefördert.  Im Umkreis von 150 km  gibt es 8 neue Hüttenbetriebe. Die  Erzvorkommen können für 150 Jahre den Erzbedarf der Welt decken.
                                                   Carajas,  Erzminen

Für mich, der ich seit  25 Jahren in die Region komme, hat sich wenig verändert. Der Flughafen ist gleich geblieben, die Stadt sieht nach wie vor wie im Wilden Westen aus. Und wir sitzen zum Essen noch in den gleichen Restaurants wie vor 25 Jahren. An dem gewaltigen Fluss Tocantins, der in Maraba sich mit dem Fluss Itacaiuna  vereinigt sitzen wir an der Flusspromenade und essen  einen köstlichen Weissfisch , den Tucunaré,  in einer Moqueca aus  Kokusnusswasser und  -milch. Markus der aus Tokio nun die feinsten  Genüsse der japanischen Fischküche verinnerlicht hat, ist von diesem einfachen brasilianischen Gericht begeistert, das mit  Pirao serviert wird. Ich selber gestehe, dass ich auch lange nicht mehr eine so gute Moqueca gegessen habe.  Ein kleiner dünner Junge tritt an unseren Tisch  um zu betteln. Früher hätten wir ihm von unserem Essen abgegeben, aber hier hilft der Familie  ein kleiner Geldbetrag mehr.


                                                       Moqueca mit Tucunaré

Noch ist der Tocantins  jetzt im Monat Oktober kurz vor der Regenzeit  auf Tiefstand.  Gewaltige  Sandbänke  ragen aus den Wassern. Auf den Sandbänken sind  kleine Hütten provisorisch errichtet, in dennen Essen und Getränke verkauft werden. Den Sommer verbringen die Stadtbewohner  auf den Sandbänken beim Baden und Fischen. Der Sommer hier oben im Amazonasgebiet ist identisch mit unserem Sommer in Europa.  Wir haben heisse Tage und  kühle Nächte. Im Süden von Brasilien ist es  hingegen Winterzeit, mit niedrigen Temperaturen, die allerdings in den Subtropen gemässigt ausfallen.
                                             Goldmine in der Serra Pelada (Sebastiao Salgado)

Vor 25  Jahren hatte die Stadt  kaum mehr als 100.000 Bewohner. Ich erinnere mich noch an die grossen  Lager der Garimpeiros, den Goldsuchern, die man aus der Serra Pelada vertrieben hatte und die aus Protest vor den Regierungsgebäuden lagerten, um eine Entschädigung zu erhalten, die man ihnen versprochen hatte.  Ob  ihnen das gelungen ist, entzieht sich meiner Kenntnis,  heute sind sie jedenfalls nicht mehr da und die durchgewühlte Serra versucht sich wieder zu erholen. Maraba lebt heute nicht mehr von  den Erträgen der Goldsucher, das sind vergangene Zeiten. Heute  hat es 240.000 Einwohner und ist für die ganze Gegend ein Wirtschaftszentrum mit den notwendigen Infrastruktureinrichtungen, wie Flugplatz, Rodoviaria, Flusshafen, Strassen  und vor allem  mit allen Einkaufsmöglichkeiten  für die umliegenden  Viehfarmen.  Von hier  aus gibt es auch eine neue Bahnverbindung nach Sao Luis, wo die Erztransporte verschifft werden.  Östlich von Maraba  nur wenige  Kilometer entfernt,  beginnt der riesige Stausee von Tucurui, eines der grössten  brasilianischen Wasserkraftwerke.

                                                             Tucurui Staudamm
Für den Süden  des Riesenstaates Pará  ist  Maraba die  Einkaufsmetropole.  Dieser riesige Staat, ist 3,5  mal so gross  wie die Bundesrepublik und wird von dem entfernten Belém  an der Amazonasmündung regiert.  Im Süden des Staates  um Maraba und Carajas macht sich mit seiner  starken Wirtschaftstruktur zunehmend  Unzufriedenheit breit, weil die Verwaltung nicht effizient von Belem aus arbeiten kann.  Schon in der Vergangenheit haben sich in Brasilien  Staaten  abgespalten um effizienter verwaltet zu werden.  Diese Tendenzen sind auch im Süden von Para zu erkennen.
Unser alter Freund Noe von Atzingen  ist  hier Leiter des Kulturzentrums.  Im  Kulturzentrum werden die  Reste der Indianerkultur gesammelt und  die Fauna und Flora des Landes  erforscht. Noe hat einer der grössten Sammlungen  von wilden Orchideen und in unserem Dorf am Fluss, in den Casas de Umberto,  sieht man an den Bäumen  überall die wilden Orchideen, die in der Zeit  von Noe als Präsident der Fundacion dort  gepflanzt wurden.
Leider reicht unsere Zeit nicht  für einen Besuch im Kulturzentrum, sondern wir müssen uns  auf die Transamazonica  machen um rechtzeitig  vor Dunkelheit die Farm zu erreichen. 

                        Karte der Transamazonica, unsere Fahrt von Maraba nach Palestina

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