Donnerstag, 27. März 2014

Jagdeindrücke aus Argentinien


Seit 20 Jahren fahren wir mit einigen Jagdfreunden nach Argentinien. Am 20. März beginnt die Brunft der Hirsche.  In  Buenos Aires holt mich Kurt vom Flughafen ab und wir fahren direkt hinaus nach Bonifacio auf die Farm  - Las Margeritas.  Beim Geldwechseln fällt mir auf, dass es keine Dollar zu kaufen gibt, weil Argentinien wieder wirtschaftlich am Abgrund steht. Diesem Land gelingt es nicht, seine Kaste von korrupten Politikern abzuschütteln. Dabei ist der Reichtum an Böden und Bodenschätzen immens, das Land könnte reich sein, wenn nicht durch staatliche Eingriffe in die Wirtschaft eine hohe Inflation entstünde die direkt in den nächsten Zusammenbruch steuert.
Die Margarita habe ich aus ersten Anfängen entstehen sehen.  Es ist erstaunlich, wie durch die Energie eines Menschen ein blühender Wirtschaftsbetrieb entsteht, und vorher langsam der gleiche Betrieb  über Generationen abgewirtschaftet wurde. Unser Freund Hasso hat hier in den letzten 15 Jahren eine vorbildlichen  Hacienda  aufgebaut,  auch wenn die argentinischen Farmverwalter ihn sicherlich  oft zurückgeworfen haben. Es macht Freude zu sehen, wie die Felder stehen, die Rinderherden immer weiter wachsen,   und wir fahren   durch die Soja, Hirse  und Sonnenblumenfelder und freuen uns an dem Reichtum der Landschaft.
Black  Angus  in der Pampa

Hier hat eine Bremer Kaufmannsfamilie in den Anfängen von Argentinien ein kleines Imperium auf- gebaut, schon seit den argentinischen Eroberungskriegen in denen die Urbevölkerung  vertrieben wurde. Die beiden grossen Gutshäuser auf der Farm könnten auch in  Bremen  stehen, das eine Haus ganz aus Ziegelsteinen, das andere Haus ganz im klassizistischen Stil errichtet. Als Hasso  die  Farm übernahm war alles heruntergekommen und es ist eine Freude zu sehen,  wie er alles perfekt restauriert hat. Der Park wirkt durch den alten Baumbestand besonders stattlich, in Deutschland würden wir so etwas in Ostpreussen in der alten Zeit erwarten, denn die kleinteiligen Betriebe in Deutschland lassen nicht mehr diesen Aufwand zu, den in Argentinien 7.000 ha noch ermöglichen. Als Kurt auf der anderen Seite der Laguna Alsina noch seinen Betrieb bewirtschaftete konnten sich die beiden Nachbarn noch zum abendlichen Churrasco besuchen. Heute versammeln wir uns bei Hasso,  Platz ist genug da für uns 10  Jagdgäste,  fünf von uns aus dem Altbestand, der seit 20 Jahren nach Argentinien kommt, und  fünf  Freunde von Rasso,  der vielversprechende Nachwuchs, der uns langsam ablöst.   
Churrasco am Abend

Wir kommen  sehr gepflegt  in den Gästezimmern der Hacienda unter. Am Abend  findet immer ein Churrasco statt, bei dem die feinsten Stücke vom Rind, aber auch einmal ein Lamm gebraten werden. Besonders gut gelingt die Tira,   Rippenstücke, die  wenn sie zart sind zum Besten des Rindes gehören. Hasso hat diesmal einige besonders gute argentinische Weine ausgesucht, die sich angenehm abheben von dem San Huberto, den wir auf der Jagdfarm trinken.
Am  20.3. geht es dann los zur  Jagdfarm Los Vertientes,  in Carro Quemado,  der Name weist auf  ein Ereignis aus der Pionierzeit hin,  als hier ein Karren verbrannt ist.  Wir befinden uns in der Trockenpampa, ein ganzes Stück hinter Santa Rosa.  Hier ist nur extensive Viehzucht möglich, Die Landschaft ist leicht hügelig, mit  Büschen  wilden Gräsern und  den  leguminosen Hartholzbäumen, den  Caldén bedeckt.  Das Wetter ist am Tag noch warm und lässt uns noch den Sommer spüren. Nachts wird es aber empfindlich kalt, bis  minus  2°,  ideale Voraussetzungen  für die Brunft.  Wenn die Sonne untergeht erstrahlt über uns der unglaublich klare Himmes des Südens,  mit einem Sternenmeer, wie wir es in Europa in unseren erleuteten Landschaften kaum mehr kennen. Um uns brunften die Hirsche und wir freuen uns schon auf den Morgen,  wenn wir bei Dunkelheit hinausgehen, um uns an den Hirsch zu pirsche, vom Klang der Stimme geleitet, bevor er sich in seinem Tagesplatz zur Ruhe niederlegt. 
Ciervo con  Embras

Um  5.30 h  klingelt der Wecker von Kurt.   Schnell werden die Jagdsachen zusammengestellt. Draussen ist es noch finstere Nacht. In der Ferne röhren die Hirsche.   Ich habe wieder meinen Führer Javier, den ich auch vor 2 Jahren hatte. Damals habe ich gleich am ersten Abend einen stattlichen Hirsch geschossen, wie wir sie in Deutschland praktisch nie freibekommen.  Es ist empfindlich kalt und ich bedaure es, keine Handschuhe mitgenommen zu haben. Javier arbeitet auf der Farm und die Jagd ist für den passionierten  Jäger eine angenehme Abwechslung zur Farmarbeit.  Er kennt sich natürlich besonders gut auf der Farm aus, die  immerhin 16.000 ha gross ist, aber nur  Futter für etwa 1.000 Rinder bietet.  Die  Jagdfarm hat sich auf die Zucht von Hereford spezialisiert. Die Tiere sind in dem  trockenen Klima besonders stattlich und machen einen   guten Eindruck. Die  Farm lebt von dem Verkauf der Kälber, bestimmt ein sehr karges Geschäft, bei dem jedes Extraeinkommen, wie das der Jagd, willkommen ist.
Morgenröte in der Pampa

Mit  5  Camionetas fahren wir in die Dunkelheit.  Die Wagen verteilen sich über die Farm, jeder Jäger hat seinen eigenen Führer, der massgeblich für den Erfolg der Jagd verantwortlich ist.  Wo ich abgesetzt werde, noch in völliger Dunkelheit,  höre ich die Hirsche in der Ferne röhren. Wir, der Führer und ich,  schaffen uns in der Dunkelheit  langsam in die Landschaft, immer dem Klang der Hirsche folgend.  Dabei gilt es keine Geräusche zu machen, ein knackender Ast könnte den schlauen Embras verraten, dass sich der Mensch nähert.  Die frische Morgenbrise aus der richtigen  Richtung  hilft uns an  das Brunften heranzukommen.  Schliesslich sind wir von 3 Hirschen umgeben, die in nächster Nähe,  vielleicht 60 m entfernt, brunften.  Wir warten in einer Baumdeckung ab.  Dichter trauen wir uns nicht heran, weil wir ohne Deckung  schnell von den Embras entdeckt werden können und dann war alle Mühe umsonst.  Aber alles Warten hilft nichts,  die Hirsche  kommen nicht aus dem Dickicht .  Die Sonne geht auf, und die Aktivität der Hirsche lässt nach. Wir hören, wie sie sich langsam entfernen.  Wir pirschen der kräftigsten Stimme nach, die immer wieder Laut gibt und uns damit den Weg weist. Oft verhoffen wir, der Hirsch steht in einem Busch nur 30 m entfernt, wir hören ihn fegen, Staub steigt auf, er tut uns aber nicht den Gefallen, sich zu zeigen.  Das Gestrüpp ist sehr dicht   und schliesslich müssen wir aufgeben    und der Hirsch zieht ohne uns seine Bahn.
Warten auf den Hirsch

Ein wunderbares Jagderlebnis,  Jäger und Hirsch  haben die gleichen Chancen,  und diesmal hat der Hirsch gewonnen.  Javier mein Jagdführer hat nur dünne Latschen an,  ein ungenügender  Schutz gegen die Rosettas, kleine Kletten, die sich an alles heften. Auch die Ledergalloschen bieten nur   ungenügenden Schutz.   Javier bückt sich, um die Kletten abzuklauben, die beim Gehen äusserst lästig sind.  Ich hoffe, dass er sein Trinkgeld in ein besseres Schuhwerk anlegt und   das nächste Mal  etwas besser ausgerüstet ist.
Unsere Jagdgruppe beim Essen

Wir kehren zum Frühstück in die Farm zurück.  Inzwischen ist die Sonne stark genug um draussen zu  sitzen.  Jeder bekommt von unserer Köchin 3 Spiegeleier mit Speck,  dazu ein selbstgebackenes Brot und eine gute Marmelade.  Selbst der Kaffee mit warmer Milch ist von ausgezeichneter Qualität.  Die Milch wir jeden Morgen frisch gemolken, wie in der alten Zeit. Nach dem Frühstück zieht sich die ganze Manschaft in ihre Unterkünfte zurück, einige um zu duschen,  die meisten aber um die kurze Nacht etwas zu verlängern.
Rasso und seine Freunde nutzen die Zeit bis Mittag, um noch auf Antilopen zu gehen.  Der Ehemann von Victoria ist Spanier und hat ein Gatter angrenzend an die Farm.  Manchmal gelingt einer Antilope der Ausbruch aus dem Gatter. Aber ein typisches Tier ist das nicht für diese Gegend.  So war ihnen auch kein Erfolg gegönnt, was wir anderen uns schon gedacht haben. 
Um  17.30 h  versammeln wir uns wieder und ab geht es mit unseren Führern zur Abendpirsch. Javier will es besonders gut machen und wechselt oft das Revier, weil er von seinen Kollegen während des Tages Informationen gesammelt hat. Abends brunften die Hirsche nicht solange die Sonne draussen ist, aber sein gutes Gehör macht  auch jetzt noch typische Geräusche aus und wir machen mehrfach Hirsche hoch, die in ihrem Tageseinstand liegen, aber alle leider mit schwachen Köpfen und für diese habe ich nicht die Fahrt bis Argentinien unternommen.
Pampasgras in der Abenddämmerung

Abends nach der Pirsch treffen die Jäger  gegen 21 h  wieder im Camp ein. An einem Lagerfeuer wird ein  Bier genommen, es gibt das gute Quilmes, ein Ableger von Warstein. Die Jagderlebnisse werden ausgetauscht und kleine Leckereien aus der Küche stillen den ersten Hunger. Es gibt immer sehr gutes Fleisch und einen kräftigen Landwein, den San Huberto. Alle Jäger sind müde vom Tag, es wurde viel erlebt und viel geleistet.
Diese Pirsch in der weiten trockenen Landschaft stellt hohe Anforderungen an den Jäger. Jeden Tag laufen wir  mindestens 4 Stunden.  Das   Anpirschen muss absolut lautlos geschehen. Der eigentliche Schuss muss in dem Gestrüpp oft freihändig erfolgen, bei weiten Schüssen setzen die meisten einen Schiessstock ein.  Dann betragen die Entfernungen über 100m .    Am ersten Tag war der Jagderfolg nur eine Antilope. Am zweiten Tag fiel ein Hirsch, kein starkes Stück, aber für den Schützen ein schöner Erfolg.  Erst am dritten Tag fielen noch 5 Hirsche, so dass  wir auf insgesamt 7  Hirsche kamen, bei 10 Jägern.  Tatsächlich in letzter Minute stellte sich noch der Jagderfolg ein, nachdem  wir schon langsam zweifelten noch zum Schuss zu kommen. Ein wirklich starker Kopf wie in den  Vorjahren war nicht dabei.  Trotzdem waren alle zufrieden, vor allem die Jagderlebnisse waren besonders, wo hat man so eine ursprüngliche Pirsch auf den Hirsch.

Seitdem Victoria die Bewirtschaftung übernommen hat, ist auch die Unterbringung und Verpflegung  sehr verbessert. Bei  ihren Eltern hatte man gar nicht das Gefühl, dass sich jemand richtig kümmert. Jetzt stimmt auch die Küche, der Service und die Kleinigkeiten, die es uns ermöglichen, uns wohl zu fühlen. Als wir schliesslich am letzten Jagdmorgen  alle geschossenen Köpfe aufreihen und die letzten Fotos schiessen, sind alle Generationen zufrieden,  jeder ist zu seinem Jagdglück gekommen, die Schützen zu ihren Trophäen, die anderen zu wunderbaren Pirscherlebnissen.  Wir beschliessen, im nächsten Jahr wieder dabei zu sein, bei einer der schönsten Hirschjagden, die man sich wünschen kann. 
Abschiedsessen in der Pampa

Mittwoch, 22. Januar 2014

Die Serra das Andorinhas - im südlichen Amazonasgebiet

1989 machte ich meine erste Reise in das südliche Amazonasgebiet. Anlass war eine Initiative meiner Studienfreunde Hubertus Dönhoff und Armin Plotho. Zusammen mit einem bras. Biologen, Noé von Atzingen, war ein Projekt zum Schutz der landschaftlich besonders schönen Bergkette „Serra das Andorinhas“  am Rio Araguaia ins Leben gerufen worden.  Wir flogen in die alte Goldgräberstadt Marabá im Staat Pará und von dort ging es auf staubigen Erdstrassen in das Landesinnere.  Die ganze Gegend lag damals unter einer dichten Rauchdecke, die von den Brandrodungen der Siedler stammte. Unser Ziel war Sao Geraldo do Araguaia eine Flussstadt an der Grenze von Pará u. Tocantins.
Das brasilianische Bundesland Pará ist mit 1.248.000 Quadratkilometern eines der grössten Brasiliens und gehört zum Amazonasbereich, von dem es etwa 26 % der Fläche einnimmt. In diesem Bundesland leben 6 Mio. Menschen, ein buntes Mischvolk mit stark indianischem Einschlag. Begrenzt wird dieses Bundesland im Süden durch den Rio Araguaia, einem Nebenfluss des Amazonassystems, der mit 2.600 km die gleiche Länge wie der Amazonas hat . Der Rio Araguaia fliesst durch zahlreiche Landschaften Brasiliens und bildet auf seinem Lauf die grösste Flussinsel der Welt (Ilha do Bananal) und mündet bei Marabá in den Toquantins, der wiederum sich mit dem Amazonas vereint. Am unteren Lauf des Rio Araguaia erstreckt sich die Serra das Andorinhas, eine Mittelgebirgskette von besonderem landschaftlichem Reitz . Diese Serra war Ziel unserer Reise und unserer Initiative zum Schutze des dort noch vorhandenen Regenwaldes.


   
Rio Araguaia  mit Sandstrand und Regenwald

Zum Schutz der Serra  wurde   eine Stiftung gegründet – die Fundaçao Serra das Andorinhas – , an der sich mehrere deutsche Freunde beteiligten, insbesondere der „Lübecker Förderverein  Naturschutzpark  Serra das Andorinhas“ unter der Leitung von Prof. Dr. Horst Dilling.
Ziel der Stiftung war der Schutz der noch nicht gerodeten Waldgebiete und insbesondere der   36.000 ha grossen  Bergkette, einer noch weitgehend naturbelassenen Region.  

Unter der Leitung von Noé von Atzingen wurden seit 1989 in der Serra zahlreiche Naturschutzprojekte durchgeführt, die Renaturierung von abgebrannten Flächen, Züchtung von Baumsetzlingen, Anlage einer wertvollen Orchideenzucht, Bewachung des Naturschutzgebietes gegen Wilderer und Landbesetzer, die Wasserversorgung für die anliegende Ortschaft Santa Cruz und die Errichtung von Schulen für die Waldbevölkerung.

Die Gegend dort ist reich an allen Wildarten der Amazonasregion, besonders hervorzuheben ist der Fischreichtum des Rio Araguaia, der auch  über wertvolle Bestände an Süsswasser-Delphinen verfügt.
Piranhas und Tucunaré


1996 konnte erreicht werden, dass der brasilianische Staat die gesamte Serra unter Naturschutz stellte. Damit hatte der Verein sein wesentliches Ziel erreicht. Seit dem  Jahr 2005, nimmt der brasilianische Staat   das gesamte Naturschutzgebiet in sein Parkprogramm auf. Die im Naturschutzbereich teilweise mehr als 20 Jahre ansässigen Siedler ohne Landtitel sollen umgesiedelt werden und die Naturschutzgebiete mit Hilfe   einer Parkverwaltung überwacht werden.

Im Dorf Santa Cruz erbaute Hubertus Dönhoff im Eingeborenenstil einen kleinen Ansitz aus Lehmhäusern mit Strohdächern, in denen die Besucher   in Hängematten  übernachten. Die Häuser heissen seitdem "Casas de Umberto".  Direkt im Anschluss an die Häuser beginnt der Urwald, der sich bis hinein in die Serra zieht. Die Brandrodungen haben sich in diesem Bereich in Grenzen gehalten, daher ist viel originärer Urwald mit den herrlichen   Kastanienbäumen erhalten. Der Rio Araguaia hat sich vor der Serra das Andorinhas sein Bett durch Felsenkatarakte und Sandbänke gefressen, ein gewaltiger Anblick, der sich zur Regenzeit dramatisch steigert, wenn der Flusspegel um ca. 12 m ansteigt. Die Ureinwohner aus der vorkolumbianischen Zeit haben dort vor ca. 5000 Jahren zahlreiche Felsmalereien hinterlassen, die zu den bedeutendsten in Brasilien gehören. In den Bergen finden sich ausgedehnte Höhlensysteme mit Fledermäusen und zahlreichen Felsgravuren aus prähistorischer Zeit. Als in den 60-iger Jahren ganz Südamerika von revolutionären Bewegungen erfasst wurde, fanden in dieser Landschaft die letzten bedeutenden Kämpfe zwischen der damaligen Militärregierung und den studentischen Revolutionären  statt.  Es ist damals viel Blut geflossen und erst jetzt wird die Geschichte zu diesen Kämpfen allmählich   in der Öffentlichkeit aufgearbeitet.

 
Casa de Umberto

Das ganze Waldland war ursprünglich von der brasilianischen Regierung an Kleinsiedler kostenlos über das nationale Institut INCRA zur Verfügung gestellt worden. Die Rodung erfolgte durch Brandlegung, hierbei wurden grosse Teile des Waldes niedergebrannt. Die Kleinsiedler haben jedoch keine dauerhafte Nutzung zustande gebracht. Als wir damals das Land zum ersten Mal sahen, befand sich alles in einem trostlosen Zustand.
Die Kleinsiedler lebten mehr schlecht als recht in  ärmlichsten Verhältnissen. Die Häuser  waren aus Lehm errichtet ,  und es wurde lediglich etwas Manniok, Reis und andere Nutzpflanzen  auf den niedergebrannten Flächen angebaut und etwas Vieh gehalten.  Schulen gab es in diesem Gebiet nicht.  Auf uns  Ausländer wirkte das natürlich romantisch und  sehr naturnah, für die Menschen , denen es am Nötigsten fehlte war es aber ein hartes und entbehrungsreiches Leben.  Die ersten Siedler, die in den 60er Jahren  dort ansässig wurden, waren  in den 90er Jahren alt und müde geworden und  strebten danach, ihre kleinen Farmen zu  veräussern, um sich und ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.

Hänge der Serra


Wie bei allen Initiativen, die am Anfang mit Begeisterung getragen werden, hatte 1997 die   Spendenfreudigkeit nachgelassen. Wenn man   die vorhandenen wertvollen Waldbestände erhalten wollte, musste   eine dauerhafte Lösung gefunden werden. Es gelang wichtige Bereiche an Wald zusammen mit gerodeten Flächen zu erwerben, so dass entlang der Serra eine   zusammenhängende Kette von Waldgebiet gesichert werden konnte. Auf den gerodeten Flächen wird heute Rinderzucht betrieben, Einkommen generiert und damit eine Sicherung für die Waldgebiete unabhängig von Spendengeldern erreicht. Hierbei wurden wir von dem  Grundgedanken geleitet, dass eine dauerhafte wirtschaftliche Nutzung der früher gerodeten Flächen durch verantwortungsbewusste Menschen  und die gleichzeitige Sicherung der Waldgebiete,   am besten den Zielen des  Naturschutzes dient.
 
Wasserfall in der Serra

Unser Freund Noé von Atzingen hat für diese ganze Landschaft eine Oeko-Bilanz aufgestellt, in der alle Tiere und Pflanzen aufgeführt sind. Die ganze Artenvielfalt des Amazonas ist darin erfasst.
Bei Sonnenaufgang werden wir von den Brüllaffen des nahe gelegenen Urwaldes geweckt, die Papageien kreischen um das Haus und der Rio Araguaia bietet alles an Fischen bis hin zu Piranhas, die entgegen   vieler Geschichten niemanden angreifen. Durch die Wälder und die Hänge der  Serra fliessen kristallklare Bäche mit zahlreichen grossartigen Wasserfällen und Badeseen.

Wanderung durch den Regenwald der Serra

Ein altes Siedlerhaus wurde zu einem Museum umgebaut als Andenken an die ersten Siedler. Dort sind alle Gerätschaften und Einrichtungen der  „Caboclos“ (Waldbewohner = Mischung von Weissen und Indianern) gesammelt, die zum grossen Teil von Hand hergestellt sind. Die Kinder der Farm und der umliegenden Gehöfte werden mit einem Fahrzeug jeden Morgen in die Schule von Santa Isabel gebracht. Die Schule wurde mit Hilfe von deutschen Freunden komplett renoviert und wir versuchen Einfluss  auf das Umweltbewusstsein der Kinder über die Lehrer zu nehmen.

Wer Freude an der Natur hat, für den ist ein Aufenthalt in dieser Landschaft ein besonderes Erlebnis. Mit Sonnenaufgang geht es um 6.00 Uhr aus den Betten oder Hängematten. Im Sommer fällt die Temperatur nachts auf 20°, was als kalt empfunden wird und steigt tagsüber auf 30 – 35°. Morgens wird frische Milch vom Corral gebracht, der Tag beginnt mit einem reichhaltigen brasilianischen Frühstück, mit warmen Gerichten , Reis und Manniok und den obligatorischen Bohnen, Eiern und Speck. Die „Vaqueros“ (Cowboys) brechen dann auf und sind den ganzen Tag auf dem Pferderücken unterwegs. Alle Campos müssen angeritten werden, die Tiere versorgt, neu geborene gezählt, und Problemfälle behandelt werden . Beeindruckend ist es, wenn die Vaqueros die Herden von einem Campo zum anderen bringen. Sie blasen dann auf langen Kuhhörnern und die Herde folgt ihnen willig zum nächsten Weideplatz. Das Leben bewegt sich noch langsam und archaisch, bestimmt von den Tages- und Jahreszeiten.

Frühstücken im  Caboclohaus


Nach dem Frühstück brechen wir dann zu Ausflügen in die umliegenden Wälder, an den Rio Araguaia oder zur Tierbeobachtung auf. In diesem hügeligen, dem deutschen Mittelgebirge  ähnlichen Gelände,  ist man noch voll auf Pferde und Mulis angewiesen.

Hauptnahrungsmittel der Bewohner und am beliebtesten ist Fleisch, obwohl auch Fisch aus dem Fluss wichtige Proteine liefert. Zu keiner Mahlzeit fehlt Reis, Bohnen,   Manniok und viele Früchte, die überall in der freien Natur wachsen und auf den Ausritten direkt vom Baum geerntet werden wie Mangos,  Papayas, Bananen, Zuckerrohr.

Durch die zahlreichen Regenfälle das ganze Jahr über (Niederschlagsmenge zwischen 1200 und 1500 mm) und das tropische Wetter gibt es   keinen Winter.
Wegen des hügeligen Charakters wird das Land entlang des Rio Araguaia um die Serra das Andorinhas mehr für Viehzucht als für Landwirtschaft verwendet. Die Tierzucht erfolgt im westlichen Sinne absolut ökologisch
Die Rinder werden ganzjährig auf der Weide gehalten, eine Zufütterung ist nicht erforderlich. Besonders schön fügen sich die Weiden,    mit zahlreichen Palmen in die noch vorhandenen Waldgebiete ein. Über allem aber erhebt sich die Serra das Andorinhas mit ihren rd. 400 m hohen Bergkämmen und ihrem noch weitgehend unberührtem Oekosystem.


Rinder auf der Weide,  Oekologie pur

Wenn ich unser Engagement über die vergangenen Jahren  betrachte, so hat es viel Freude und bei unseren Aufenthalten Lebensqualität gebracht. Die brasilianische Sprache ist leicht zu erlernen, die Menschen sind offen, freundlich und Ausländern gegenüber zuvorkommend. Wer sich in den südlichen Ländern Europas auskennt, fühlt sich in Brasilien schnell zu Hause.
Dieses  Land mit  190 Mio.  Menschen, seinem ungeheueren Naturreichtum und seinen Bodenschätzen bietet enorme Wachstumsmöglichkeiten, dies alles eingebunden in eine westliche Kultur, die von dem kleinen Portugal vor einigen hundert Jahren eingeführt wurde.

Abendstimmung am Araguaia

Brasilien ist vom Tourismus noch weitgehend unentdeckt und man kann allen Naturliebhabern einen Besuch wärmstens ans Herz legen. Wer in den Amazonasbereich kommt, ist herzlich eingeladen, die Serra das Andorinhas zu besuchen, die Erlebnisse dort werden sicher zu den bleibenden Eindrücken Brasiliens gehören. 
Daneben laden an den Küsten fast 8000 km Badestrände ein, die ganzjährig warmes Wasser anbieten und vom Norden bis Süden besuchenswert sind.