
Innenhof der Pousada Barroco na Bahia
- Während des Konzertes habe ich ausgiebig Gelegenheit die prächtige Architektur der früheren Jesuitenkirche zu bewundern. Jeder Stein wurde aus Portugal importiert und vor Ort nach einem Plan zusammengefügt. Die Architektur ist streng, fast klassizistisch. Gestern habe ich mit dem Pater eine Privatführung durch die Kathedrale gemacht. Der Pater ist ein Kunstkenner und hat seine eigenen Entdeckungen gemacht. Hinter zwei Renaissancealtären weist er mich auf Bänder hin, in denen typische brasilianische Fruchtmotive eingearbeitet wurden. Er hält diese Teile, die vor Ort hergestellt wurden, für Indianerwerke. Alle Barockaltäre sind aus wertvollen brasilianischen Hölzern gearbeitet, bei den Trägerfiguren der Säulen scheinen Schnitzer von Galionsfiguren tätig gewesen zu sein, der Pater weist auf die unnatürliche Haltung hin, ganz anders als die Säulenträger in Italien. Der Hochaltar ist verhüllt, nicht weil es Fastenzeit ist, sondern er soll renoviert werden. Wie überhaupt ein grosser Teil dieser wunderbaren lusitanischen Werke der Renovierung bedarf. Hierfür stehen aber kaum Mittel zur Verfügung. So wie es kaum Interesse für klassische Musik gibt, so ist auch das Interesse der modernen Brasilianer für ihre historische Kultur gleich null.
Die Kathedrale, die alte Jesuitenkirche
Die Kirche als Kulturträger hat ihre Bedeutung verloren, das Bildungswesen des Staates ist nicht an deren Stelle getreten. Das Interesse des modernen Brasilianers richtet sich auf Sport, Telenovela und MPB (musica popular brasileira). Ob es in Zukunft ein Wiedererwachen Brasiliens für seine kulturellen Werte gibt bleibt offen. - Inzwischen endet das Konzert in der Kathedrale mit einem gewaltigen Schlusswerk der „Suite Gothique“ von León Boellmann. Der Pater hat bei den hohen Temperaturen Schwerstarbeit geleistet.
Pater Hans Böhnisch mit unserer Gruppe im Reconcavo
Wir treffen uns vor dem Hauptportal der Kathedrale. Pater Hans hat schwer gearbeitet und der Hunger plagt ihn. Wir gehen in ein Restaurant „ao kilo“ und stillen seinen Hunger. Dann geht es zurück zur Pousada. Ich frage mich, wie so ein begabter Mensch an einen Ort gelangt ist, der für seine Begabungen keinen Sinn entwickelt. In den letzten Jahren hat der Pater jedes Jahr mit Spendenmitteln eine Opernproduktion wie“ Entführung aus dem Serail“ „Hänsel und Gretel“ u.a.m. mit deutschen und brasilianischen Künstlern ermöglicht. Auch hierfür war das lokale Interesse einer Stadt von der Grösse Berlins gering. Um diese Tätigkeiten zu finanzieren, hat er in kirchlichen und privaten Gebäuden in einem alten Viertel von Salvador eine Pousada eröffnet.
Innenhof der Pousada mit Mangobaum
Das Viertel mit dem Namen Saude lag vor der Stadt, dort erholte man sich von der Enge der Stadtmauern. Im 18. Jahrhundert zogen dorthin viele jüdische Familien. In dem Haus einer solchen Familie, das vom Pater komplett renoviert wurde, befindet sich der Zentralbau der Pousada. Ein altes ritueles Bad kann noch im Hof besichtigt werden. Heute ist dieses Viertel von den wohlhabenden Familien verlassen. Um die Stadt haben sich neue Viertel mit Hochhäusern gebildet. Der wohlhabende Brasilianer lebt in solchen Gebäuden. In der alten prächtigen Stadt Salvador lebt heute die Unter-und Mittelschicht. Einen Vorteil hatte diese Entwicklung, man hat das Alte nicht wie in China dem Neuen geopfert, sondern es sich selbst überlassen. Vielleicht kommt der Moment der Rückbesinnung und der Renovierung des alten Stadtbildes. Anstrengungen zur Sanierung sind nur in der Altstadt von Salvador rund um das Pelourinho zu beobachten und an einigen Stellen wie im Viertel Saude wo der Pater in seiner Strasse mehrere Häuser renoviert hat.

Barroco na Bahia im Bairro Saude
Salvador ist „Patrimonio de Mundo,“ nirgendwo in Lateinamerika findet man eine solche Ansammlung von bedeutenden Kulturdenkmälern. Vielleicht ist das Werk von Padre Hans, wie er liebevoll von seinen Nachbarn genannt wird, nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber jede Anstrengung ist beispielstiftend und in seiner Strasse sind bereits weitere Häuser renoviert worden.

Unser gemeinsames Projekt bei der Renovierung
Bei einer klassischen Brasilientour mit den Iguacufällen, Rio de Janeiro, Bahia, Manaus und Pantanal ist Bahia der kulturelle Höhepunkt. Eine Pousada mitten in dem typischen Viertel Saude bietet den idealen Ausgangspunkt für eine Stadbesichtigung. Der normale Tourist beschränkt sich auf da Pelourinho und zwei Kirchen. Wie schön aber ist ein Ausflug zur Wahlfahrtskirche von Bonfim oder in das Viertel Ribeira. Ich fahre mit dem Pater an der Uferstrasse des alten Erholungsviertels Ribeira entlang. Vorbei an der Sommerresidenz des Erzbischofs an der Spitze der Halbinsel. Früher lag diese weit vor der Stadt. Seine Eminenz wusste wo es schön war. An der Uferstrasse promenieren die Bahianer, ganz anders als in der Innenstadt ist hier alles ruhig und sicher, in der Mitte der Strasse die gedeckten Zelte und am Rand zum Meer die Tische im Schatten der Bäume.
Wallfahrtskirche Bonfim
Es ist später Nachmittag. Wir nehmen uns direkt einen Tisch am Wasser und sehen die Sonne langsam über Itaparica untergehen. In Ibiza würden sich vor dem Café del Mar Tausende drängen, hier ist das ein ganz alltäglicher Vorgang aber von grosser Ruhe und Schönheit. Kein Tourist ausser uns ist in Sicht und die Bahianer nehmen uns in ihrer natürlichen Freundlichkeit kaum wahr. Am Abend noch einmal eine wunderbare Terrasse gegenüber dem Hotel Carmo in einem kleinen Restaurant. Ein Guitarrenspieler spielt ohne Verstärker und nur der Auftritt von drei Schauspielerinnen, die wohl den Kulturanspruch des Inhabers vertreten, halten uns in unserem Essensgenuss auf. Wie es der Zufall will wird an den Nebentisch ein junges Paar aus der Pousada gesetzt, mit denen ich mich am Morgen noch unterhalten hatte. Bei hunderten von Lokalen haben wir das gleiche ausgesucht. Wie üblich ist der gute Fisch zu lange gebraten, aber mit solchen Unzulänglichkeiten lernt man in Brasilien zu leben.
Stadtviertel Carmo
Die Freundlichkeit der Menschen hebt viele Mängel auf, man lernt mit den Jahren , dass nicht alles auf Effizienz ausgerichtet sein muss. Ich freue mich immer auf meinen Besuch in Salvador, auf mein freundliches Dachapartment mit der grossen Terrasse, auf meinen begabten Freund, Pater Hans, auf den traditionellen Frühstücksraum in der Pousada mit den zahlreichen Antiquitäten, auf die guten Marmeladen, selbst zubereitet vom Pater und auf die einmalige Musikkultur in dieser Pousada, einmalig in Brasilien, vielleicht sogar einmalig in der Welt.

Refektorium in der Pousada






