Montag, 26. März 2012

Barroco na Bahia, eine weltweit einzigartige Pousada

Gerade habe ich mich von Pater Hans am Flughafen von Salvador verabschiedet. In die Pousada Barroco na Bahia komme ich nun 10 Jahre. Pater Hans ist vom Bistum Mainz als Domkapellmeister des Primas von Brasilien nach Salvador entsandt worden. Auch die Orgel in der Kathedrale mit 1600 Pfeifen stammt aus Deutschland, weitgehend aus Spenden finanziert. Heute am Sonntag habe ich um 11 Uhr einem Orgelkonzert zugehört. Gespielt wurden Werke von Couperin, Bach, Cesar Franck, Gigout und Boellmann. Es waren vielleicht 15 Menschen zum Konzert gekommen, kaum Brasilianer. Ein so gutes Orgelspiel hört man selten in Deutschland, eine solche Qualität von Musik hier in Brasilien anzutreffen ist überraschend und wunderbar, wir Europäer lieben diese Musik, hier in Bahia stösst sie auf kaum Interesse. Welche Verschwendung von Resourcen und Begabung.

                  Innenhof  der Pousada Barroco na Bahia

- Während des Konzertes habe ich ausgiebig Gelegenheit die prächtige Architektur der früheren Jesuitenkirche zu bewundern. Jeder Stein wurde aus Portugal importiert und vor Ort nach einem Plan zusammengefügt. Die Architektur ist streng, fast klassizistisch. Gestern habe ich mit dem Pater eine Privatführung durch die Kathedrale gemacht. Der Pater ist ein Kunstkenner und hat seine eigenen Entdeckungen gemacht. Hinter zwei Renaissancealtären weist er mich auf Bänder hin, in denen typische brasilianische Fruchtmotive eingearbeitet wurden. Er hält diese Teile, die vor Ort hergestellt wurden, für Indianerwerke. Alle Barockaltäre sind aus wertvollen brasilianischen Hölzern gearbeitet, bei den Trägerfiguren der Säulen scheinen Schnitzer von Galionsfiguren tätig gewesen zu sein, der Pater weist auf die unnatürliche Haltung hin, ganz anders als die Säulenträger in Italien. Der Hochaltar ist verhüllt, nicht weil es Fastenzeit ist, sondern er soll renoviert werden. Wie überhaupt ein grosser Teil dieser wunderbaren lusitanischen Werke der Renovierung bedarf. Hierfür stehen aber kaum Mittel zur Verfügung. So wie es kaum Interesse für klassische Musik gibt, so ist auch das Interesse der modernen Brasilianer für ihre historische Kultur gleich null.


                                              Die Kathedrale, die alte Jesuitenkirche

Die Kirche als Kulturträger hat ihre Bedeutung verloren, das Bildungswesen des Staates ist nicht an deren Stelle getreten. Das Interesse des modernen Brasilianers richtet sich auf Sport, Telenovela und MPB (musica popular brasileira). Ob es in Zukunft ein Wiedererwachen Brasiliens für seine kulturellen Werte gibt bleibt offen. - Inzwischen endet das Konzert in der Kathedrale mit einem gewaltigen Schlusswerk der „Suite Gothique“ von León Boellmann. Der Pater hat bei den hohen Temperaturen Schwerstarbeit geleistet.

   Pater Hans Böhnisch  mit unserer Gruppe im Reconcavo


Wir treffen uns vor dem Hauptportal der Kathedrale. Pater Hans hat schwer gearbeitet und der Hunger plagt ihn. Wir gehen in ein Restaurant „ao kilo“ und stillen seinen Hunger. Dann geht es zurück zur Pousada. Ich frage mich, wie so ein begabter Mensch an einen Ort gelangt ist, der für seine Begabungen keinen Sinn entwickelt. In den letzten Jahren hat der Pater jedes Jahr mit Spendenmitteln eine Opernproduktion wie“ Entführung aus dem Serail“ „Hänsel und Gretel“ u.a.m. mit deutschen und brasilianischen Künstlern ermöglicht. Auch hierfür war das lokale Interesse einer Stadt von der Grösse Berlins gering. Um diese Tätigkeiten zu finanzieren, hat er in kirchlichen und privaten Gebäuden in einem alten Viertel von Salvador eine Pousada eröffnet.

              Innenhof der Pousada mit Mangobaum


Das Viertel mit dem Namen Saude lag vor der Stadt, dort erholte man sich von der Enge der Stadtmauern. Im 18. Jahrhundert zogen dorthin viele jüdische Familien. In dem Haus einer solchen Familie, das vom Pater komplett renoviert wurde, befindet sich der Zentralbau der Pousada. Ein altes ritueles Bad kann noch im Hof besichtigt werden. Heute ist dieses Viertel von den wohlhabenden Familien verlassen. Um die Stadt haben sich neue Viertel mit Hochhäusern gebildet. Der wohlhabende Brasilianer lebt in solchen Gebäuden. In der alten prächtigen Stadt Salvador lebt heute die Unter-und Mittelschicht. Einen Vorteil hatte diese Entwicklung, man hat das Alte nicht wie in China dem Neuen geopfert, sondern es sich selbst überlassen. Vielleicht kommt der Moment der Rückbesinnung und der Renovierung des alten Stadtbildes. Anstrengungen zur Sanierung sind nur in der Altstadt von Salvador rund um das Pelourinho zu beobachten und an einigen Stellen wie im Viertel Saude wo der Pater in seiner Strasse mehrere Häuser renoviert hat.

               Barroco na Bahia im Bairro  Saude


Salvador ist „Patrimonio de Mundo,“ nirgendwo in Lateinamerika findet man eine solche Ansammlung von bedeutenden Kulturdenkmälern. Vielleicht ist das Werk von Padre Hans, wie er liebevoll von seinen Nachbarn genannt wird, nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber jede Anstrengung ist beispielstiftend und in seiner Strasse sind bereits weitere Häuser renoviert worden.


            Unser gemeinsames Projekt bei der Renovierung


Bei einer klassischen Brasilientour mit den Iguacufällen, Rio de Janeiro, Bahia, Manaus und Pantanal ist Bahia der kulturelle Höhepunkt. Eine Pousada mitten in dem typischen Viertel Saude bietet den idealen Ausgangspunkt für eine Stadbesichtigung. Der normale Tourist beschränkt sich auf da Pelourinho und zwei Kirchen. Wie schön aber ist ein Ausflug zur Wahlfahrtskirche von Bonfim oder in das Viertel Ribeira. Ich fahre mit dem Pater an der Uferstrasse des alten Erholungsviertels Ribeira entlang. Vorbei an der Sommerresidenz des Erzbischofs an der Spitze der Halbinsel. Früher lag diese weit vor der Stadt. Seine Eminenz wusste wo es schön war. An der Uferstrasse promenieren die Bahianer, ganz anders als in der Innenstadt ist hier alles ruhig und sicher, in der Mitte der Strasse die gedeckten Zelte und am Rand zum Meer die Tische im Schatten der Bäume.


                                                      Wallfahrtskirche Bonfim

Es ist später Nachmittag. Wir nehmen uns direkt einen Tisch am Wasser und sehen die Sonne langsam über Itaparica untergehen. In Ibiza würden sich vor dem Café del Mar Tausende drängen, hier ist das ein ganz alltäglicher Vorgang aber von grosser Ruhe und Schönheit. Kein Tourist ausser uns ist in Sicht und die Bahianer nehmen uns in ihrer natürlichen Freundlichkeit kaum wahr. Am Abend noch einmal eine wunderbare Terrasse gegenüber dem Hotel Carmo in einem kleinen Restaurant. Ein Guitarrenspieler spielt ohne Verstärker und nur der Auftritt von drei Schauspielerinnen, die wohl den Kulturanspruch des Inhabers vertreten, halten uns in unserem Essensgenuss auf. Wie es der Zufall will wird an den Nebentisch ein junges Paar aus der Pousada gesetzt, mit denen ich mich am Morgen noch unterhalten hatte. Bei hunderten von Lokalen haben wir das gleiche ausgesucht. Wie üblich ist der gute Fisch zu lange gebraten, aber mit solchen Unzulänglichkeiten lernt man in Brasilien zu leben.

                                                  Stadtviertel Carmo

Die Freundlichkeit der Menschen hebt viele Mängel auf, man lernt mit den Jahren , dass nicht alles auf Effizienz ausgerichtet sein muss. Ich freue mich immer auf meinen Besuch in Salvador, auf mein freundliches Dachapartment mit der grossen Terrasse, auf meinen begabten Freund, Pater Hans, auf den traditionellen Frühstücksraum in der Pousada mit den zahlreichen Antiquitäten, auf die guten Marmeladen, selbst zubereitet vom Pater und auf die einmalige Musikkultur in dieser Pousada, einmalig in Brasilien, vielleicht sogar einmalig in der Welt.


           Refektorium in der Pousada

Freitag, 23. März 2012

Die Geister der Pousada Thalassa


               Eingang zur Pousada bei Nacht



Gestern erzählte uns der Rezeptionist, ein Gast hätte bei einer anderen Pousada eine Warnung erhalten, man dürfe nicht zur Pousada Thalassa gehen, die Frau die sie betreibe sei mit dem Teufel im Bunde. Die Pousada sei die einzige in Pipa, die immer voll gebucht sei. Das ginge nicht mit rechten Dingen zu. Natürlich kann das Konkurrenzneid der anderen gewesen sein. Eine andere Erkiärung ist die grosse Wächterfigur am Eingang der Pousada, mit einer Gabel in der Hand. Eine Orixa, mit dem Namen Exu, die den Eingang bewacht. Ein kleines Schälchen mit Gaben vor der Orixa stimmt diese versöhnlich und kein Unbefugter darf die Pousada betreten, die Orixa bewacht den Eingang und den Ausgang des Hauses und des Lebens. Sie ist die Mittlerin zwischen dem Diesseits und dem Jenseits. Orixas sind die afrikanischen Gottheiten, die von den Sklaven in die brasilianische Kultur integriert wurden. Die ganze Pousada wurde künstlerisch von dem Ibiza Künstler Paulo Viheira gestaltet, der in Brasilia geboren wurde. Schon vor dem Tor grüssen 3 Meter hohe Figuren aus Holz und Stahl, die an Miró erinnern. Sehr eindrucksvolle Zeichen, ähnlich den Totems der Indianer und auch afrikanische Elemente sind integriert

             Eingangswächter Exú


Hat man den Wächter des Tores Exú überwunden tritt man in einen üppigen tropischen Garten. Überall sind die Skulpturen von Paulo im Grün zu sehen.
Wir kommen in die Frühstückshalle, Fenster sind hier nicht nötig, eine gedeckte Halle mit überlebensgrossen Bildern der afrikanischen Gottheiten. Ähnlich wie bei unseren Sternzeichen ist nach dem Geburtstag eine bestimmte Gottheit, mit der ihr eigenen Eigenschaften für den Lebensweg des Menschen bestimmend, der im Einfluss der Gottheit geboren wurde. Für mich ist Oxum zuständig, die Gottheit des Wohlstands, des Wassers und der Flüsse. Marcia bringt Oxum häufig gelbe Blumen, und legt sie vor sein Bild, für Oxúm gilt die Farbe des Goldes, und bisher hat Oxum gnädig seine Hand über die Pousada gehalten. Am Anfang als noch Platz in der Pousada war habe ich in den Masterapartments gewohnt. Das eine Apartment ist Ogum gewidmet, dem Gott des Krieges aber auch des Schutzes vor den bosen Mächten. Das andere Apartment steht unter dem Schutz von Oxúm. Beherrscht werden die Zimmer von grossen Bildnissen der Gottheiten. Böse Zungen behaupten in das Apartment von Ogúm legt die Rezeption streitsüchtige Ehepaare, zu Oxúm kommen die nett aussehenden. Wer einen Eindruck von der Kunst haben möchte sollte einen virtuellen Rundgang machen unter www.pousadathalassa.com.br

                  Hochzeitssuite


Wer noch nicht ein brasilianisches Frühstück zu sich genommen hat, wird es in seine ganzen Vielfalt in der Pousada geniessen können. Die schönsten tropischen Früchte werden von Stenio vom Markt geholt. Frühaufsteher können Stenio, den Geschäftsführer, und sich von dem ungeheuer reichhaltigen Angebot der brasilianischen Bauern überzeugen. Allerdings ist ein frisch gepresster Zuckerrohrsaft das letzte Mal Victor zum Verhängnis geworden, er konnte mehrere Tage nicht das brasilianische Essen geniessen. Sonst sind Fruchtsäfte in einer solchen Vielzahl frisch oder als gefrorene Masse im Angebot, dass die Wahl schwer fällt. Die meisten Früchte sind uns ohnehin unbekannt. Zurück zu unserem Frühstücksbuffet, speziell für Brasilianer gibt es natürlich warme Gerichte mit Mais, Manniok und Fleisch . Es gibt eine Vielzahl von Fleisch- und Fischkuchen und daneben natürlich auch susse Gebäcke und Torten.

            Brasilianisches Frühstücksbuffet in der Pousada


Viele Gäste schlagen sich unbeherrscht voll und es ist eine Mär, wenn man an schlanke schöne Brasilianerinnen denkt, die meisten sind übermässig füllig. Vielleicht ist das wie bei uns eine Fresswelle wie nach dem Krieg, nachdem Brasilien sich innerhalb der letzten 20 Jahr von einem Entwicklungsland mit Unterernährung in ein prosperierendes BRIC- land entwickelt hat. Nach dem Frühstück geht es an den Strand, von der Pousada leicht zu Fuss zu erreichen. Der Ort selber in der Frühe wirkt noch verschlafen und erinnert an die ersten Jahre der Entdeckung von Ibiza. Die Läden machen erst gegen Mittag auf.


              Praia do Madeiro in Pipa

Am Strand sammeln sich langsam die Nachteulen an, eine lange Disconacht im Calangos hinter sich. Das Meer ist stark zurückgegangen. Hinter Felsriffen bilden sich Pools, in die sich Strandbesucher legen. Die Wassertemperatur beträgt mindestens 28°. Es weht ein starker Ostwind und draussen tummeln sich Surfer und Kites in den mittelhohen Wellen. Der eigentliche Zentralstrand von Pipa ist nicht so interessant wie die anschliessenden Strände nach Süden hin, Praia de Amor mit herrlichem Sandstrand und echten Surfwellen und nach Norden der Praia do Madeiro mit seinen Surfern und Delfinen. Die Strände gelten hier als eine der schönsten von Brasilien. Die starken Ostwinde ermöglichen richtig gutes Surfen. Obwohl Pipa Super-In ist, sind die Strände leer, ab und zu eine Strandbude, wo man die hiesigen wilden kleinen Langusten geniessen kann, zu recht zivilen Preisen. Beeindruckend die Steilküste hinter dem Strand, die erst einmal durchstiegen werden muss, wenn man das Meer erreichen will. Nachmittag steht die Sonne im Westen und der Schatten der Steilküste macht es für Sonnenanbeter uninteressant am Strand zu bleiben. Alles wandert in seine Pousadas um sich mit einem Nachmittagsschlaf auf die Nacht vorzubereiten. Angeblich gibt es 200 Pousadas in Pipa, allerdings viele nur mit 2 bis 3 Zimmern.

                Praia do Amor in Pipa


Wir sind zurück in der Pousada Thalassa. Den Sonnenuntergang erleben wir in der Sunset-Lounge, die Sonne geht nicht über dem Meer, sondern im Westen über dem Land unter. Vor uns erstreckt sich die Mata Atlantica, ein niedriger Wald aus resistenten Gehölzen, die der Salzluft und dem ständigen Wind widerstehen. Wo Menschen leben ist die Anpflanzung von Cajueiros Pflicht, wir sind hier in einem Zentrum des Cashewnussanbaus. In der Nahe befindet sich der grösste Cajueiro Brasiliens, die herabhängenden Aste haben am Boden Wurzeln gebildet, und der Baum hat sich wie ein Krake über die Fläche von mehreren Fussballfeldern ausgebeitet. Von der Bar werden uns Caipirinhas gebracht, Marcia trinkt eine Caipirosca, statt Cachaca wird Wodka verwendet. Die Lounge bietet einen schönen Blick über die Lanschaft und die Einrichtung ist sehr brasilianisch. Die Bibliothek hat viele deutsche Bücher, falls das für das fernsehsüchtige Publikum noch interessant ist.

                         Sunset Lounge in der Pousada


Langsam ziehen sich die letzten Badendenden aus den Pools zurück. Nach dem Strand liegt der Brasilianer für Stunden im Pool und lässt sich die Drinks an den Schwimmbadrand bringen. Die Sonne geht unter, im Garten gehen die Laternen an, die Geister der Orixas nehmen allmählich Besitz von der Natur. Vor den Bungalows und auf den Terrassen liegen die Gäste in den Hängematten und bereiten sich auf ihr Nachtleben vor. Ab 22 Uhr geht es in der Hauptstrasse, Av. Dos Golfinhos , richtig zur Sache, alle Bars sind gesteckt voll und mindestens 30 Restaurants bieten ihr gutes Essen an. In der Pousada aber wird es ruhig und der einzige lebendige Geist, den wir zu Gesicht bekommen haben ist Marcia, der gute Geist der Pousada.



                 Pool mit Bar und Rezeption
                 Pousada Thalassa

Dienstag, 20. März 2012

Auf den Wegen von Sucupira - In der Serra das Andorinhas


         Diego und Zé  auf dem Ritt nach Sucupira


Sechs Stunden auf dem Pferderücken. Wir haben die letzte Woche jeden Tag drei Stunden geritten. Sonst hätten wir garnicht die Kondition gehabt einen so langen Ritt zu machen. Mein Lieblingspferd Chubim haben die vaqueiros ausgetauscht, ich reite Shalana, ein Geschenk von Joaquim do Tato. Wir reiten den langen Weg über die Fazenda von Dr. Cunha, Santa Cruz und dann die Sandstrasse in das Vale de Sucupira. Insgesamt etwa 30 km. Das letzte Mal bin ich diesen Weg mit dem alten Jeep von Noé gefahren 1988. Die Fundación Serra das Andorinhas hatte diese Strasse damals verbessert, eine Schule finanziert und im hinteren Teil des Vale ca 1000 ha Wald erworben. Ich erinnere mich, dass wir alle von grossem Idealismus und Einsatz beseelt waren. Das ist lange her, der kleine Junge Cicero, den wir damals getroffen haben, ist heute selber Vater eines Jungen im Alter von 10 Jahren. Der Weg, den wir damals noch in dem Jeep mit Zuckerrohrbenzin gefahren sind, ist verfallen, und unbefahrbar geworden. Die Brücken aus Baumstämmen sind eingestürzt. Die Wege sind so überwuchert, dass nur mit Hilfe von Cicero und seinem Sohn, sie freigehauen und passierbar gemacht werden konnten.


               Siedler im Nationalpark


Am Eingang des Vale begrüsst uns ein grosses Schild, Nationalpark Serra das Andorinhas, 26.000 ha, das Ziel, das sich die Fundacion gesetzt hatte, ist mit der Umwandlung dieses Naturparadieses in einen staatlich geschützten Nationalpark erreicht. Die Anstrengungen und Opfer von Hubertus Dönhoff und seinem Freundeskreis haben am Ende ihren erfolgreichen Ausklang gefunden.


                  Der Nationalpark

Unsere braven Maultiere tragen uns die sandige Strasse immer tiefer in das Tal hinein. Die Sonne brennt an diesem Tag trotz Regenzeit unablässlich auf uns nieder. Von Zeit zu Zeit legen wir eine kleine Pause ein, um von den mitgebrachten Wasservorräten zu trinken. Ein kleiner grauer Maulesel trägt unser Gepäck, wir haben vor im alten Camp am Fluss Sucupira zu übernachten. Der Maulesel läuft frei mit und überholt uns immer wieder, wobei uns die aufgeschnallten Säcke kräftig puffen. Früher hatte man Transportsättel, Tragegestelle, auf die das Gepäck geschnallt werden konnte. Heute haben die vaqueiros die Säcke mit unserer Ausrüstung mit Seilen verbunden und über einen normalen Sattel gelegt. Immer wieder lösen sich die Seile und alles kommt zum Stehen, die Säcke müssen neu befestigt werden. Zé will einen Gepäcksattel in Auftrag geben, noch soll es einen Handwerker geben, der die alte Tradition des Sattelbaus beherrscht. Durch Jahrhunderte haben die Maultiere den Transport mit den aufgeschnallten Lasten bewältigt, heute findet man die Sättel nicht mehr im Handel.


                 Zé beim Überqueren eines Igarapé

Wir kommen über den ersten Pass der Serra, die Landschaft wandelt sich. Die am Anfang üppigen Tropenwälder machen einer Trockenzone Platz, in der resistente urwüchsige niedrige Bäume stehen, und viel Gras, von einer ursprünglichen Art, das nicht viel Biomasse für Tiere anbietet, aber enorm resistent ist. Die ursprünglichen Siedler konnten mit diesem Gras ihre Milchkühe, Ziegen und Schafe ernähren. Jedes Jahr brennt es in dieser Trockenzone, Pflanzen und Bäume haben sich darauf eingestellt und überleben das Feuer. Neben uns wachsen Felswände empor und dann fällt die Strasse, die Landschaft wird lieblicher und wir kommen an alten Siedlungshäusern vorbei, alle selbstgebaut aus Lehm und mit Palmblättern gedeckt, teilweise noch bewohnt, teilweise verlassen. Der Boden macht einen steinigen wenig ertragreichen Eindruck. Ich frage nach der alten Schule, die wir seinerzeit finanziert haben. Die Schule gibt es nicht mehr, der Staat hat eine neue kleine Schule im Ort Sucupira gebaut, in das die Kinder der wenigen Bewohner des Gebirgstales gehen. Immer mehr Bewohner geben ihr Leben dort auf und ziehen in die Stadt, um dem harten Leben in der Bergwelt zu entfliehen. Die wenigen die dort bleiben haben viele Kinder, für deren Ausbildung sorgt der Staat. Das Schulwesen hat sich in Brasilien stark verbessert, unter der Regierung Lula hat sich das Analphabetentum auch im Norden des Landes, im Amazonasbereich, stark verringert.


              Die Pferde trinken vom Fluss Sucupira

Unser Ritt geht weiter, immer tiefer ins Tal hinein. Vom Weg der von Sta Cruz kommt biegen wir eine kleine Seitenstrasse ab. Da sich keiner mehr um die Unterhaltung der Strasse kümmert kommen bald nur noch unsere Maultiere durch. Wir kommen an ein paar Anpflanzungen von Mais vorbei, einige letzte Häuser von Caboclos, einige verfallen. Dann geht es scharf nach links zum Haus von Cicero, der seine Weide überraschend gut in Schuss hat. Acht alqueires hat er als tituliertes Eigentum. Wilde Siedler sind immer seltener, die staatliche Fürsorge mit ihrem cesto basico macht es nicht mehr interessant, im Wald eine Subsistenzwirtschaft zu führen. Vor uns liegt das Gelände unserer alten Stiftung. Einer der wenigen wilden Siedler hat das Gelände von Hubertus besetzt, eine kleine Parzelle, alle anderen Parzellen sind unberührt und verwandeln sich in ihren Urzustand zurück. Der Siedler wird wohl erst mit seinem Tod das Gelände aufgeben. Einen Siedler herauszukaufen kostet mehr, als das Gelände wert ist. Nach 10 Jahren hat der wilde Siedler das Gelände ersessen. Wenn er sich um einen Titel kümmert, kann er sich das Gelände überschreiben lassen und es geht für den früheren Eigentümer verloren. Aber dieses Land liegt so abseits und ist vom Ertrag zu uninteressant, als dass es einmal einen Nachfolger geben wird.


                   Noch 500 m bis zu unserer alten Station


Wir sind jetzt im früheren Gelände der Fundacion. Cerrado wechselt mit Waldzonen. Wir überqueren mehrere Zuläufe zum Fluss Sucupira, jetzt in der Regenzeit führen alle reichlich Wasser. Ein besonders romantischer Zulauf heisst Agua Bonita. Nach einer Stunde sind wir endlich am Camp angelangt. Die dort früher vorhandenen Häuser sind alles Ruinen. Bis in die 90er Jahre unter Zezinho war das noch erhalten. Danach kümmerte sich keiner mehr und alles verfiel. Alles wird wieder vom Wald überwuchert, die Wege sind noch mit Steinen markiert, aber die Blumen und Pflanzen sind verschwunden. Wir hauen mit unserem Facao eine kleine Lichtung frei, eine Jararacucu muss ihr Leben lassen, eine kleine sehr gefährliche Giftschlange, die die Gerinnungsfähigkeit des Blutes aufhebt – nach 24 Stunden verblutet man. Ein Stamm wird zwischen zwei Bäume als Dachfirst befestigt und eine grosse Plane soll uns vor Regen schützen. Die Mulos werden versorgt, dann ziehen sich alle aus und werfen sich in die Naturpiscina des Sucupira. Das Wasser ist kühl und erfrischend und das grosse Naturbecken, fast 2m tief ist unverändert und war der Grund, warum man früher die Schutzstation hier errichtete.


               Bad im Sucupira


Abends sitzen wir am Feuer und grillen kleine Spiesse und Maiskolben, die uns Marcia eingepackt hat und um 8 Uhr liegt jeder in seiner Hängematte, nachdem er vorher seine Wasserflasche im Fluss für die Nacht gefüllt hat. Das Wasser ist kristallklar und trinkbar. Über uns die Tropennacht, enfernte Gewitter erleuchten den Himmel, um uns die Geräusche des Waldes, die Tiere machen einen grossen Bogen um uns. Spuren der Onca - des brasilianischen Jaguar - haben wir mehrfach am Tag gesehen. Eine geniale Erfindung die Hängematte der Indianer, sobald man in ihr liegt fühlt man sich geborgen und zuhause.


                   Vorbereitung zur Nacht


Um sechs Uhr bricht der Tag an. Alle rollen sich aus ihren Hängematten. Das Feuer von gestern wird nachgelegt. Zé filtert frischen Café. Es gibt Café und einige Kekse zum Frühstück. Diego nimmt als einziger ein Bad im Fluss, die anderen begnügen sich mit einer Katzenwäsche. Mein Hemd von gestern riecht nach Schweiss und Mulo, für heute muss es noch reichen. Es hat seit einigen Tagen nicht geregnet. Die Natur wartet auf Regen. Die Mulos werden gesattelt. Hängematten und Vorräte werden verstaut. Wir machen uns auf den Heimweg. Nach 22 Jahren habe ich die Stätte unserer ersten Schritte in diesem Land wiedergesehen. Die Natur hat sich alles was wir geschaffen haben zurückerobert. Schön wenn man beobachten kann, wie alles Handeln der Vergänglichkeit unterliegt und nichts von unserem menschlichen Tun Bestand hat. Was bleibt ist die Schönheit der Natur und unsere Erinnerung an die Schritte, die wir durch die Landschaft gegangen sind, und wenn wir keine Fussstapfen zurückgelassen haben, dann haben wir es richtig gemacht.



                      Feuer hält die Tiere fern

Ein Sechsstundenritt zurück auf die Fazenda. Der Rückweg erscheint mir viel länger als der Hinritt. Diego reitet ein Pferd. Auf halbem Weg bleibt es stehen und weigert sich weiterzugehen. Wir haben uns und dem Pferd zuviel zugemutet. Diego steigt ab und führt das Pferd an der Leine. Wir kommen durch den Flusswald des Araguia zurück auf die Fazenda. So grün und üppig waren die Weiden noch nie. Die Regenzeit hat alles in ein Paradies verwandelt, für Menschen und für Tiere. Schon planen wir den nächsten Ausflug zum Brecho dos Padres, etwas kürzerr der Ritt, aber noch gewaltiger und schöner die Natur der Serra das Andorinhas. Nach sechs Stunden Ritt ohne Pause sind wir alle am Ende unserer Kräfte. Ein üppiges Mittagessen erwartet uns auf der Fazenda und nachmittags setzt der Regen ein, auf den wir gewartet haben, pünktlich am Ende unseres Rittes.


               Auf dem Rückweg