Wenn man von
Natal die BR 101 in Richtung Süden
fährt, dann kann man sich nicht mehr
vorstellen, dass noch vor drei Jahren auf dieser wichtigen Verbindungsstrasse,
die vom äussersten Norden bis in den Süden des Landes führt, nur zweispuriger
Verkehr möglich war. Jetzt hat sich die Fahrzeit nach Praia de Pipa auf eine
knappe Stunde verkürzt und die Strasse
ähnelt einer Autobahn. Wir
befinden uns im Nordosten von Brasilien, bis vor wenigen Jahren von Armut
geprägt. Wegen der armen sandigen Böden
war Landwirtschaft nur eingeschränkt möglich und der Anbau bestand im
wesentlichen aus Zuckerrohr und Kokosnussplantagen. Durch den Verfall des
Zuckerpreises im 18. Jahrhunder fiel
diese Landschaft in bittere Armut. Heute hat die Gegend einen enormen
Aufschwung erfahren, Zuckerrohr ist ein
begehrtes Produkt für die Herstellung von
Biosprit geworden. Die ganze
Gegend ist landwirtschaftlich genutzt und es werden jährlich 2 bis 3 Zuckerrohrernten eingefahren. Über Goianinha, einer schläfrigen Provinzstadt,
die durch die neue Prosperität wieder zu Leben erwacht, geht es durch
kleine Dörfer auf einer Nebenstrasse nach Tibau do Sul und dann weiter nach Praia de
Pipa. Ich wohne wieder in der Pousada Thalassa, die jedes Jahr schöner wird.
Open Air Lounge in Pousada Thalassa
Bis vor
wenigen Jahren war Praia de Pipa ein kleines Fischerdorf, mit wenigen hundert
Einwohnern. Dann kamen die ersten Touristen, meistens noch Hippies und
entdeckten die goldenen Strände um Pipa.
Oft waren dies Europäer,
Portugiesen, Spanier und Italiener, die sich hier wohlfühlten. Noch heute
sind die altgewordenen Hippies mit dem Verkauf von selbstgefertigtem Schmuck
beschäftigt. Der Charakter des alten
Fischerdorfes mit seinen armen Hütten und seinem Kopfsteinpflaster ist erhalten
geblieben. Der ganze Ort besteht
praktisch nur aus einer gepflasterten Hauptstrasse,
nur wohnen heute in den Häusern nicht
mehr die Fischer, sondern ein Restaurant, Laden und Bar reiht sich aneinander. Abends wacht diese Hauptstrasse auf und es findet
eine Völkerwanderung statt. Hauptsächlich junge Leute aus aller Herren Länder feiern die Nacht durch und enden in der
einzigen Diskothek, dem Calango.
Praia do Amor
Für mich
sind in Pipa die Strände am Schönsten. Der unabhängige Führer Quatro Rodas zählt die Strände um Pipa zu den schönsten in Brasilien. Um alles erforschen zu können, sollte man
sich einen kleinen Mietwagen oder einen Motorroller mieten. Den Hauptstrand von Pipa erreicht man direkt
vom Zentrum. Die Dorfvorsteher haben dort einen kleinen Platz geschaffen, den es vorher
nicht gab. Dort führen die jugendlichen
abends Tänze auf und treffen sich, weil das Taschengeld noch nicht
reicht, um am Nachtleben teilzunehmen. Am Haupstrand reiht sich eine Barraca an die andere. Barracas sind die kleinen Strandrestaurants
in Brasilien, in denen man Getränke und
Fisch bekommt. Die Plastiktische
und Stühle stehen mit ihren Schirmen meist bis ins Wasser. Die Brasilianer lieben
es ihr Cerveza und Essen mit dem Füssen im Wasser
einzunehmen. Das vermittelt ihnen das
echte Urlaubsgefühl. Hingegen gehen sie
nicht so gerne ins Meer, vielleicht
können viele nicht schwimmen, sondern verbringen nach ihrem Strandmorgen den
ganzen Nachmittag im Pool ihrer Pousada.
Das Meer hat den Hauptstrand wieder einmal verändert. Im letzten Jahr
war zwischen den Barracas und dem Strand eine Lagune entsstanden und die
Kellner mussten durch diese flache Lagune waten, um das Essen zu
ihren Gästen zu bringen. Dieses Jahr ist die Lagune verschwunden und der
eigentliche Strand breiter geworden.
Schon auf dem Weg zum Strand wird man von zahlreichen Schleppern
angesprochen, die ihre Restaurants
und Schiffe empfehlen, mit denen die
Feriengäste eine Reise entlang der Küste
unternehmen können.
Ich ziehe es
vor dem Trubel des Haupstrandes zu
entweichen und wandere langsam durch den feinkörnigen Sand in Richtung Süden. Der Charme dieser Küste liegt in dem
Wechsel von Sand und Felsen. Jetzt bei zurückweichendem Wasser, die Gezeiten sind hier stark ausgeprägt, kommen Felsen aus dem Wasser und bilden
kleine Badebecken, in denen die Brasilianer mit ihren Kindern sitzen und vergnügt planschen. Hier an der Ostküste des Landes spielt sich
das Badeleben am Vormittag bis ca 15 Uhr ab. Dann fangen die Schatten der
steilen Felsenkuste allmählich den
Strand einzunehmen und die
Sonnensuchenden wandern ab in ihre jeweiligen Pousadas. Ich gehe vorbei an dem Kap, das man jetzt bei Ebbe
umrunden kann, durch malerische Felsengruppen, zwischen denen immer der goldene
Sand liegt und komme an den Praia do
Amor. In der Karte steht hier auch der
Name Praia dos Afogados, der Strand der
Ertrunkenen. Dieser Name war wohl für
den Tourismus nicht förderlich und die Stadtväter haben ihn dann in den
Liebesstrand umgetauft. Der Strand ist ein reiner Sandstrand, ohne Felsen, hat
eine ausgeprägte Brandung, weil es keine vorgelagerten Riffs gibt und es gibt
auch Unterströmungen. Wer es gewohnt
ist, mit den Wellen und Strömungen zu schwimmen, geht kein grösseres Risiko
ein. Man sollte aber ein sicherer
Schwimmer sein und die grossen Wellen untertauchen können. Hier gibt es auch eine Barraca die
Liegestühle verleiht, und ein langer
menschenleerer Strand mit Kokosnussbäumen gesäumt lädt zum Spazierengehen ein. Der Strand endet am Chapadao, einer steilen
Felsenwand, die direkt ans Wasser reicht.
Von oben hat man einen wunderbaren Blick
über die Küste und Strände. In der Barraca esse ich einen ausgezeichneten
Weissfisch und trinke einen Chope
Skol, das brasilianische Wort chope kommt aus der deutschen Biertradition, die Marke Skol aus dem skandinavischen –
überall trifft man auf die Spuren der Einwanderer.
Praia do Amor
Praia do Amor
Geht man den
Strand weiter, so kommt man über den menschenleeren Praia das Minas bis zum
nächsten Ort Sibauma. Hier
soll im 17. Jahrhundert ein Sklavenschiff gestrandet sein. Die Überlebenden
wurden nicht versklavt sondern gründeten ein Quilombo, einen Ort für befreite
Sklaven. Die Bewohner sollen noch direkt
von dieser überlebenden Sklavenfracht abstammen.
Am nächsten
Morgen möchte ich die Nordstrände von
Pipa erforschen. Oft bin ich über den Strand im Zentrum von Pipa bei
Ebbe zum Praia do Corral gegangen, das geht allerdings nur, wenn die Ebbe
Tiefstand hat und man über die Steine am
Kap klettern kann. Dafür belohnt dieser Strand einen mit Einsamkeit, keine
Liegestühle, nur der golden glänzende Sand in den zurückweichenden Wellen und draussen
die spielenden Delfine.
Praia do Madeiro
Praia do Madeiro
Es ist aber
Flut, und ich kann nicht zu Fuss gehen. Ich nehme meinen Mietwagen und fahre an
den Praia do Madeiro, den beliebtesten
Badestrand von Pipa. Der Zugang zum Strand ist ein bisschen beschwerlich, über eine Holztreppe geht es
den bewaldeten Steilhang hinab. Unten
hat das Meer wieder ein Stück mehr
von der vorgeschobenen Palmenküste
weggefressen. Es sind weniger Barracas und Strandliegen als im letzten Jahr
vorhanden. Angeblich hat IBAMA, die staatliche Naturschutzbehörde, den Abriss von wilden Strandbauten verfügt.
Auch die recht urige Strandhütte des Inhabers der Diskothek Joy auf Teneriffa
ist verschwunden. Hier hatten wir in Hängematten im letzten Jahr noch eine
guten Caipirinha getrunken und uns über die alten Zeiten in Teneriffa unterhalten. Nur die Verleiher von Surfbrettern sind die gleichen geblieben. Die starken Passatwinde sorgen für einen schönen
Wellengang, ideal für Surfer. Neu sind die
zahlreichen Kitesurfer, die sich vom Wind über die Wellen tragen lassen. Die
abgerissenen Strandbuden vermisst man nicht,
die Natur wird zurückgebaut.
Ich mache
einen langen Strandspaziergang über den Praia do Madeiro bis zum Praia da Cacimbinha. Hat man einmal die Liegestühle an den Treppen verlassen, ist
bald kein Spaziergänger mehr in Sicht. Der Strand bietet sich in seiner ganzen Ursprünglichkeit
an. Umgestürzte Palmen, unterspültes
Wurzelwerk, alles was das Meer
anspült, kaum Plastikreste, eine noch kaum berührte Natur zu der man nur
über die wenigen Treppen gelangen kann, die an der Steilküste vorhanden sind. Bis zur Punta de Pirambú gelange ich nicht. Eine sehr schöne gepflegte
Anlage am Hang, von einem Deutschen angelegt, in der man in clubähnlicher
Atmosphäre den Tag auf Liegestühlen am
Pool oder im Restaurant verbringen kann.
Der Zugang zu der Anlage erfolgt über eine altmodische Holzseilbahn, die man
skeptisch betrachtet, aber die einen sicher ans
Ziel bringt.
Fähre über die Lagoa Guarairas
Fähre über die Lagoa Guarairas
Ich gehe den
Strand zurück um rechtzeitig zum Sonnenuntergang in Tibaul do Sul zu sein. Tibaul
do Sul ist die Prefeitura des Verwaltunsbezirkes für Pipa. Mit etwas weniger
Tourismus zeigt Tibaul noch mehr die
originären Strukturen eines kleinen
Fischerortes im Nordosten. Den Charme
dieses Ortes macht die Lagoa Guarairas
aus. Eine riesige Wasserlandschaft, die sich an dieser Stelle durch
einen schmalen Durchbruch tief in das Land hineinerstreckt. In der Lagune
befindet sich der kleine Hafen von
Tibau, der nur bei Flut angesteuert werden kann. Eine landestypische Fähre stellt die Verbindung
zur anderen Seite her. Auf der anderen
Seite der Bucht erstreckt sich die unberührte Dünenlandschaft von Marembá. Bei Ebbe kann man mit einem Strandbuggy oder
Vierradantrieb übersetzen und am Strand
nach Buzios fahren. Eine äusserst
lohnenswerte Fahrt, die einen die Abenteuer einer Wüstenlandschaft erleben
lässt.
Es ist schon
spät und um 17.30 h geht die Sonne unter. Ich verlasse die Strandbuden von
Tibau und fahre auf den kleinen Besucherparkplatz des Hotels Marinas, das
direkt über der Lagoa liegt. Eine vorgelagerte kleine Holzplatform mit
Creperie und Bar ist schon gut besetzt. Alles wartet auf den Sonnenuntergang.
Bei einem Sundowner und klassischer Musik
schiebt sich langsam der Sonnenball in die Lagune. Die Menschen hören auf zu sprechen, dieses
immer wieder gewaltige Naturschauspiel lässt sie verstummen. Nur das Summen und Piepsen der Kameras ist noch zu
hören.
Sonnenuntergang über der Lagoa Guarairas








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