Ein Tag auf einer brasilianischen Fazenda
Es ist noch ganz dunkel um 5.30 h . Und doch krähen die Hähne, der Pfau gibt seinen durchdringenden Ruf von sich und fliegt von seiner Schlafstätte auf den Balken des Korrals herunter, die Hühner verlassen ihren Stall, wo sie sich vor Räubern über Nacht in Sicherheit gebracht haben. Unten in der Küche der Junggesellen gehen die Lichter an, das Frühstück wird bereitet, ein junger Helfer geht zu den Milchkühen, die in einiger Entfernung auf der Wiese ruhig wiederkäuen. Er holt unsere morgendliche Milch. Es liegen noch tiefe Wolken über den Bergen, noch jetzt im Juni haben wir Regen, zwar nur kurze Schauer und tagsüber Sonne bei 35°, aber morgens ist viel Feuchtigkeit in der Luft, auf Tischen und Stühlen liegt ein kräftiger Feuchtigkeitsfilm. Die Vaqueiros holen die Pferde und Mulos von der Wiese und treiben sie in den Korral, wo sie sich in Formation aufstellen, jeder sucht sich sein Pferd aus, dass er heute reiten wird. Für uns werden unsere bewährten Tiere bereit, die wir schon seit langem reiten.
Sede A
Ich sitze an dem Tisch vor dem Haus und sehe wie es langsam heller wird. Die Morgenröte färbt die Ränder der Wolken und auf den gegenüberliegenden Hängen werden die Palmenwipfel als erstes in die frühe Morgensonne getaucht. Ein weisser Schwarm von Garcas (Reiher) streicht über den See und lässt sich auf einem kahlen Baum nieder. Von weitem leuchtet der Baum, als ob er in voller Blütenpracht stehe. Jetzt beginnen die kleinen grünen Papageien ihre Streitgespräche. Die Natur hat sie nicht mit einer klangvollen Stimme ausgestattet und plötzlich stieben sie hoch, kreisen eine Weile und lassen sich auf einer Palme nieder.
Reiher zusammen mit Pferden
Die Nächte sind in diesen Junitagen kühl, oft nur 20°, die Tage warm, bis 35°. Im Juli beginnen die Sommerferien bei uns im Norden, die ganze Bevölkerung eilt an die Flussstrände und geniesst den Sommer, der im Süden Winter ist.
Über der Serra liegen noch tiefblaue Wolken, die unter den Sonnenstrahlen noch dunkler erscheinen. Schön ware es, wenn sich da noch einmal ein kräftiger Regen zusammenbrauen würde. Die Fazenda ist unglaublich grün und so gepflegt wie sie es noch nie war. Die Ruhe und der Frieden der über allem liegt färbt auch auf uns Menschen ab. Wenn sich die Einheimischen von den glamourösen Telenovelas beeinflusst nach den Freuden der Grossstadt sehnen, wissen sie nicht auf was sie verzichten.
Blick auf die Serra das Andorinhas
Ich denke an meinen Bruder Arnim, der dabeisein wollte und wegen seiner Krankheit nicht mitkommen konnte. Wieviel Freude hätte ihm das alles hier bereitet, er hängt inzwischen mit seinem Herzen an dieser Gegend.
Gerade sehe ich wie die wunderbaren Guzerá und Caracul Bullen unten auf der Weide durch die Morgensonne auf die Salzlecke zugehen. Die Bullen haben sich seit unserm letzten Besuch prächtig entwickelt und die mit Nelore eingekreuzten Kälber sind besonders kräftig.
Zuchtbulle der Rasse Guzerá
Inzwischen sind unsere Pferde gesattelt und warten geduldig auf uns, bereit für den morgendlichen Ausritt. Heute geht es über die Hügel zu der früheren Fazenda Nazaré. Die Eigentümerin Dona Maria Nazaré wohnte dort viele Jahre allein, schaffte es aber nicht mehr ihre Farm aufrechtzuerhalten, gegen die starke Fruchtbarkeit des Landes kam sie nicht mehr an, alles hatte sich in Busch verwandelt (juquira) die Rinder fanden kaum mehr Nahrung. Als sie das Land dann verkaufte zog sie sich in die kleine Stadt Xambioa zurück, wo sie ihren Lebensabend verbringt.
Diego und Reino in hohem Gras (Mombasa)
Das Leben auf einer Fazenda spielt sich zwischen Schlafen, Arbeit und Essen ab. Der Tag beginnt sehr früh für die vaqueiros. Spätestens ab 7 Uhr befindet sich alles in Bewegung. Die Pferde sind gesattelt, es geht hinaus in die Natur, die Rinder werden auf den Weiden kontrolliert. Rinder kurz vor dem Kalben werden abgesondert und auf spezielle Weiden in der Nähe der Korrals getrieben, wo sie bei Komplikationen besser betreut werden können. Dann bleiben die Kälber 8 Monate bei der Mutter bis die Zeit der Trennung kommt. Die Mutter hat dann bereits ein neues Kalb von etwa 5 Monaten im Bauch. Besonders eindrucksvoll ist es wenn die Rinder zu den Korrals getrieben werden, ein Vaqueiro reitet vorweg und bläst das „barrante“, ein traditionelles Horn, diesem Klang folgen die Kühe und Kälber willig. Zwei weitere Vaqueiros reiten hinterher. Eine gewaltige vacada von Kühen mit Kälbern zieht zum nächstgelegenen Korral
Herde Nelore auf Fazenda B
Die eigentliche Arbeit des Vaqueiros erfolgt im Korral. Hier wird das Tier registriert, gebrannt, getrennt, geimpft vom Tierarzt untersucht. Hier erfolgt auch die Besamung. Aber die übrige Zeit verbringen die Rinder auf den Weiden, ihre Nahrung besteht nur aus Gras und Salz, das mit Mineralstoffen angereichert ist. Ökologischer geht es nicht. Keine Zusatzstoffe, kein Antibiotikum, keine Anabolika. Ein Rind geht durch einen Lebenszyklus von 12 Geburten und ein Besuch in der Maternidad , der Kinderstube der Fazenda, gehört zu den schönsten Erlebnissen auf einer Farm. Während seiner ganzen Lebenszeit lebt das Rind in dieser idealen Landschaft, saftige Weiden, schattenspendende Bäume Bäche, Flüsse und kleine Stauseen, die die Landschaft durchziehen. Wenn ein Rind so wie wir empfinden könnte, würde es sagen: ein lebenswertes Leben.
Grosse Represa auf Faz B
Es ist Abend auf der Farm geworden. Die Vaqueiros sind von den Weiden zurück, die Pferde und Mulos sind abgespritzt und weiden gelassen auf den grossen Koppeln vor dem Farmsitz. In der Mannschaftsküche wird der Hunger gestillt. Über der Serra senkt sich langsam die Sonne, schon um 6 Uhr wird es dunkel. Die Wolken verfärben sich im Abendschein, Glutrot leuchtet der Himmel über der Serra. Hier war es, als ab 1968 junge Studenten gegen die Militarregierung revoltierten. Das Militär ging mit grosser Brutalität gegen die jungen Leute vor, die undurchdringlichen Wälder, die damals alles bedeckte und die Höhlen der Serra boten den jungen Studenten geeignete Verstecke. Gerade in der letzten Zeit wird die Erinnerung an diese Revolte aufgearbeitet. Die damals verantwortlichen werden spät zur Verantwortung gezogen. Eines der damaligen Opfer ist die heutige Präsidentin des Landes, die wohl alles durchlitten hat, was ein Revolutionär in den Händen des Militärapparates über sich ergehen lassen musste und die nicht vergessen hat.
Sonnenuntergang über der Sierra
Da wo sich das Rot über der Serra färbt, waren die Verstecke der Revolutionäre und die Ruhe und der Frieden der sich über das Land legt erinnert nicht mehr an die blutigen Kämpfe die hier stattgefunden haben. Von Ferne höre ich den Gesang der Brüllaffen, die sich vom Tag verabschieden, in den Häusern der Vaqueiros gehen die Lichter an. Überall wird gekocht und gegessen und bald breitet sich die Nacht über den Urwald und die Serra, die Nachtjäger machen sich auf den Weg nach Beute. Und über dem Fluss jagen die Fledermäuse.
Gewitterstimmung über dem Rio Araguaia


