Mittwoch, 22. Januar 2014

Die Serra das Andorinhas - im südlichen Amazonasgebiet

1989 machte ich meine erste Reise in das südliche Amazonasgebiet. Anlass war eine Initiative meiner Studienfreunde Hubertus Dönhoff und Armin Plotho. Zusammen mit einem bras. Biologen, Noé von Atzingen, war ein Projekt zum Schutz der landschaftlich besonders schönen Bergkette „Serra das Andorinhas“  am Rio Araguaia ins Leben gerufen worden.  Wir flogen in die alte Goldgräberstadt Marabá im Staat Pará und von dort ging es auf staubigen Erdstrassen in das Landesinnere.  Die ganze Gegend lag damals unter einer dichten Rauchdecke, die von den Brandrodungen der Siedler stammte. Unser Ziel war Sao Geraldo do Araguaia eine Flussstadt an der Grenze von Pará u. Tocantins.
Das brasilianische Bundesland Pará ist mit 1.248.000 Quadratkilometern eines der grössten Brasiliens und gehört zum Amazonasbereich, von dem es etwa 26 % der Fläche einnimmt. In diesem Bundesland leben 6 Mio. Menschen, ein buntes Mischvolk mit stark indianischem Einschlag. Begrenzt wird dieses Bundesland im Süden durch den Rio Araguaia, einem Nebenfluss des Amazonassystems, der mit 2.600 km die gleiche Länge wie der Amazonas hat . Der Rio Araguaia fliesst durch zahlreiche Landschaften Brasiliens und bildet auf seinem Lauf die grösste Flussinsel der Welt (Ilha do Bananal) und mündet bei Marabá in den Toquantins, der wiederum sich mit dem Amazonas vereint. Am unteren Lauf des Rio Araguaia erstreckt sich die Serra das Andorinhas, eine Mittelgebirgskette von besonderem landschaftlichem Reitz . Diese Serra war Ziel unserer Reise und unserer Initiative zum Schutze des dort noch vorhandenen Regenwaldes.


   
Rio Araguaia  mit Sandstrand und Regenwald

Zum Schutz der Serra  wurde   eine Stiftung gegründet – die Fundaçao Serra das Andorinhas – , an der sich mehrere deutsche Freunde beteiligten, insbesondere der „Lübecker Förderverein  Naturschutzpark  Serra das Andorinhas“ unter der Leitung von Prof. Dr. Horst Dilling.
Ziel der Stiftung war der Schutz der noch nicht gerodeten Waldgebiete und insbesondere der   36.000 ha grossen  Bergkette, einer noch weitgehend naturbelassenen Region.  

Unter der Leitung von Noé von Atzingen wurden seit 1989 in der Serra zahlreiche Naturschutzprojekte durchgeführt, die Renaturierung von abgebrannten Flächen, Züchtung von Baumsetzlingen, Anlage einer wertvollen Orchideenzucht, Bewachung des Naturschutzgebietes gegen Wilderer und Landbesetzer, die Wasserversorgung für die anliegende Ortschaft Santa Cruz und die Errichtung von Schulen für die Waldbevölkerung.

Die Gegend dort ist reich an allen Wildarten der Amazonasregion, besonders hervorzuheben ist der Fischreichtum des Rio Araguaia, der auch  über wertvolle Bestände an Süsswasser-Delphinen verfügt.
Piranhas und Tucunaré


1996 konnte erreicht werden, dass der brasilianische Staat die gesamte Serra unter Naturschutz stellte. Damit hatte der Verein sein wesentliches Ziel erreicht. Seit dem  Jahr 2005, nimmt der brasilianische Staat   das gesamte Naturschutzgebiet in sein Parkprogramm auf. Die im Naturschutzbereich teilweise mehr als 20 Jahre ansässigen Siedler ohne Landtitel sollen umgesiedelt werden und die Naturschutzgebiete mit Hilfe   einer Parkverwaltung überwacht werden.

Im Dorf Santa Cruz erbaute Hubertus Dönhoff im Eingeborenenstil einen kleinen Ansitz aus Lehmhäusern mit Strohdächern, in denen die Besucher   in Hängematten  übernachten. Die Häuser heissen seitdem "Casas de Umberto".  Direkt im Anschluss an die Häuser beginnt der Urwald, der sich bis hinein in die Serra zieht. Die Brandrodungen haben sich in diesem Bereich in Grenzen gehalten, daher ist viel originärer Urwald mit den herrlichen   Kastanienbäumen erhalten. Der Rio Araguaia hat sich vor der Serra das Andorinhas sein Bett durch Felsenkatarakte und Sandbänke gefressen, ein gewaltiger Anblick, der sich zur Regenzeit dramatisch steigert, wenn der Flusspegel um ca. 12 m ansteigt. Die Ureinwohner aus der vorkolumbianischen Zeit haben dort vor ca. 5000 Jahren zahlreiche Felsmalereien hinterlassen, die zu den bedeutendsten in Brasilien gehören. In den Bergen finden sich ausgedehnte Höhlensysteme mit Fledermäusen und zahlreichen Felsgravuren aus prähistorischer Zeit. Als in den 60-iger Jahren ganz Südamerika von revolutionären Bewegungen erfasst wurde, fanden in dieser Landschaft die letzten bedeutenden Kämpfe zwischen der damaligen Militärregierung und den studentischen Revolutionären  statt.  Es ist damals viel Blut geflossen und erst jetzt wird die Geschichte zu diesen Kämpfen allmählich   in der Öffentlichkeit aufgearbeitet.

 
Casa de Umberto

Das ganze Waldland war ursprünglich von der brasilianischen Regierung an Kleinsiedler kostenlos über das nationale Institut INCRA zur Verfügung gestellt worden. Die Rodung erfolgte durch Brandlegung, hierbei wurden grosse Teile des Waldes niedergebrannt. Die Kleinsiedler haben jedoch keine dauerhafte Nutzung zustande gebracht. Als wir damals das Land zum ersten Mal sahen, befand sich alles in einem trostlosen Zustand.
Die Kleinsiedler lebten mehr schlecht als recht in  ärmlichsten Verhältnissen. Die Häuser  waren aus Lehm errichtet ,  und es wurde lediglich etwas Manniok, Reis und andere Nutzpflanzen  auf den niedergebrannten Flächen angebaut und etwas Vieh gehalten.  Schulen gab es in diesem Gebiet nicht.  Auf uns  Ausländer wirkte das natürlich romantisch und  sehr naturnah, für die Menschen , denen es am Nötigsten fehlte war es aber ein hartes und entbehrungsreiches Leben.  Die ersten Siedler, die in den 60er Jahren  dort ansässig wurden, waren  in den 90er Jahren alt und müde geworden und  strebten danach, ihre kleinen Farmen zu  veräussern, um sich und ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.

Hänge der Serra


Wie bei allen Initiativen, die am Anfang mit Begeisterung getragen werden, hatte 1997 die   Spendenfreudigkeit nachgelassen. Wenn man   die vorhandenen wertvollen Waldbestände erhalten wollte, musste   eine dauerhafte Lösung gefunden werden. Es gelang wichtige Bereiche an Wald zusammen mit gerodeten Flächen zu erwerben, so dass entlang der Serra eine   zusammenhängende Kette von Waldgebiet gesichert werden konnte. Auf den gerodeten Flächen wird heute Rinderzucht betrieben, Einkommen generiert und damit eine Sicherung für die Waldgebiete unabhängig von Spendengeldern erreicht. Hierbei wurden wir von dem  Grundgedanken geleitet, dass eine dauerhafte wirtschaftliche Nutzung der früher gerodeten Flächen durch verantwortungsbewusste Menschen  und die gleichzeitige Sicherung der Waldgebiete,   am besten den Zielen des  Naturschutzes dient.
 
Wasserfall in der Serra

Unser Freund Noé von Atzingen hat für diese ganze Landschaft eine Oeko-Bilanz aufgestellt, in der alle Tiere und Pflanzen aufgeführt sind. Die ganze Artenvielfalt des Amazonas ist darin erfasst.
Bei Sonnenaufgang werden wir von den Brüllaffen des nahe gelegenen Urwaldes geweckt, die Papageien kreischen um das Haus und der Rio Araguaia bietet alles an Fischen bis hin zu Piranhas, die entgegen   vieler Geschichten niemanden angreifen. Durch die Wälder und die Hänge der  Serra fliessen kristallklare Bäche mit zahlreichen grossartigen Wasserfällen und Badeseen.

Wanderung durch den Regenwald der Serra

Ein altes Siedlerhaus wurde zu einem Museum umgebaut als Andenken an die ersten Siedler. Dort sind alle Gerätschaften und Einrichtungen der  „Caboclos“ (Waldbewohner = Mischung von Weissen und Indianern) gesammelt, die zum grossen Teil von Hand hergestellt sind. Die Kinder der Farm und der umliegenden Gehöfte werden mit einem Fahrzeug jeden Morgen in die Schule von Santa Isabel gebracht. Die Schule wurde mit Hilfe von deutschen Freunden komplett renoviert und wir versuchen Einfluss  auf das Umweltbewusstsein der Kinder über die Lehrer zu nehmen.

Wer Freude an der Natur hat, für den ist ein Aufenthalt in dieser Landschaft ein besonderes Erlebnis. Mit Sonnenaufgang geht es um 6.00 Uhr aus den Betten oder Hängematten. Im Sommer fällt die Temperatur nachts auf 20°, was als kalt empfunden wird und steigt tagsüber auf 30 – 35°. Morgens wird frische Milch vom Corral gebracht, der Tag beginnt mit einem reichhaltigen brasilianischen Frühstück, mit warmen Gerichten , Reis und Manniok und den obligatorischen Bohnen, Eiern und Speck. Die „Vaqueros“ (Cowboys) brechen dann auf und sind den ganzen Tag auf dem Pferderücken unterwegs. Alle Campos müssen angeritten werden, die Tiere versorgt, neu geborene gezählt, und Problemfälle behandelt werden . Beeindruckend ist es, wenn die Vaqueros die Herden von einem Campo zum anderen bringen. Sie blasen dann auf langen Kuhhörnern und die Herde folgt ihnen willig zum nächsten Weideplatz. Das Leben bewegt sich noch langsam und archaisch, bestimmt von den Tages- und Jahreszeiten.

Frühstücken im  Caboclohaus


Nach dem Frühstück brechen wir dann zu Ausflügen in die umliegenden Wälder, an den Rio Araguaia oder zur Tierbeobachtung auf. In diesem hügeligen, dem deutschen Mittelgebirge  ähnlichen Gelände,  ist man noch voll auf Pferde und Mulis angewiesen.

Hauptnahrungsmittel der Bewohner und am beliebtesten ist Fleisch, obwohl auch Fisch aus dem Fluss wichtige Proteine liefert. Zu keiner Mahlzeit fehlt Reis, Bohnen,   Manniok und viele Früchte, die überall in der freien Natur wachsen und auf den Ausritten direkt vom Baum geerntet werden wie Mangos,  Papayas, Bananen, Zuckerrohr.

Durch die zahlreichen Regenfälle das ganze Jahr über (Niederschlagsmenge zwischen 1200 und 1500 mm) und das tropische Wetter gibt es   keinen Winter.
Wegen des hügeligen Charakters wird das Land entlang des Rio Araguaia um die Serra das Andorinhas mehr für Viehzucht als für Landwirtschaft verwendet. Die Tierzucht erfolgt im westlichen Sinne absolut ökologisch
Die Rinder werden ganzjährig auf der Weide gehalten, eine Zufütterung ist nicht erforderlich. Besonders schön fügen sich die Weiden,    mit zahlreichen Palmen in die noch vorhandenen Waldgebiete ein. Über allem aber erhebt sich die Serra das Andorinhas mit ihren rd. 400 m hohen Bergkämmen und ihrem noch weitgehend unberührtem Oekosystem.


Rinder auf der Weide,  Oekologie pur

Wenn ich unser Engagement über die vergangenen Jahren  betrachte, so hat es viel Freude und bei unseren Aufenthalten Lebensqualität gebracht. Die brasilianische Sprache ist leicht zu erlernen, die Menschen sind offen, freundlich und Ausländern gegenüber zuvorkommend. Wer sich in den südlichen Ländern Europas auskennt, fühlt sich in Brasilien schnell zu Hause.
Dieses  Land mit  190 Mio.  Menschen, seinem ungeheueren Naturreichtum und seinen Bodenschätzen bietet enorme Wachstumsmöglichkeiten, dies alles eingebunden in eine westliche Kultur, die von dem kleinen Portugal vor einigen hundert Jahren eingeführt wurde.

Abendstimmung am Araguaia

Brasilien ist vom Tourismus noch weitgehend unentdeckt und man kann allen Naturliebhabern einen Besuch wärmstens ans Herz legen. Wer in den Amazonasbereich kommt, ist herzlich eingeladen, die Serra das Andorinhas zu besuchen, die Erlebnisse dort werden sicher zu den bleibenden Eindrücken Brasiliens gehören. 
Daneben laden an den Küsten fast 8000 km Badestrände ein, die ganzjährig warmes Wasser anbieten und vom Norden bis Süden besuchenswert sind.



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