1989
machte ich meine erste Reise in das südliche Amazonasgebiet. Anlass war eine
Initiative meiner Studienfreunde Hubertus Dönhoff und Armin Plotho. Zusammen
mit einem bras. Biologen, Noé von Atzingen, war ein Projekt zum Schutz der
landschaftlich besonders schönen Bergkette „Serra das Andorinhas“ am Rio Araguaia ins Leben gerufen
worden. Wir flogen in die alte
Goldgräberstadt Marabá im Staat Pará und von dort ging es auf staubigen
Erdstrassen in das Landesinnere. Die
ganze Gegend lag damals unter einer dichten Rauchdecke, die von den
Brandrodungen der Siedler stammte. Unser Ziel war Sao Geraldo do Araguaia eine
Flussstadt an der Grenze von Pará u. Tocantins.
Das
brasilianische Bundesland Pará ist mit 1.248.000 Quadratkilometern eines der
grössten Brasiliens und gehört zum Amazonasbereich, von dem es etwa 26 % der
Fläche einnimmt. In diesem Bundesland leben 6 Mio. Menschen, ein buntes
Mischvolk mit stark indianischem Einschlag. Begrenzt wird dieses Bundesland im
Süden durch den Rio Araguaia, einem Nebenfluss des Amazonassystems, der mit
2.600 km die gleiche Länge wie der Amazonas hat . Der Rio Araguaia fliesst
durch zahlreiche Landschaften Brasiliens und bildet auf seinem Lauf die grösste
Flussinsel der Welt (Ilha do Bananal) und mündet bei Marabá in den Toquantins,
der wiederum sich mit dem Amazonas vereint. Am unteren Lauf des Rio Araguaia
erstreckt sich die Serra das Andorinhas, eine Mittelgebirgskette von besonderem
landschaftlichem Reitz . Diese Serra war Ziel unserer Reise und unserer
Initiative zum Schutze des dort noch vorhandenen Regenwaldes.
Rio
Araguaia mit Sandstrand und Regenwald
Zum
Schutz der Serra wurde eine
Stiftung gegründet – die Fundaçao Serra das Andorinhas – , an der sich mehrere
deutsche Freunde beteiligten, insbesondere der „Lübecker Förderverein Naturschutzpark Serra das Andorinhas“ unter der Leitung von
Prof. Dr. Horst Dilling.
Ziel
der Stiftung war der Schutz der noch nicht gerodeten Waldgebiete und
insbesondere der 36.000 ha grossen Bergkette, einer noch weitgehend
naturbelassenen Region.
Unter
der Leitung von Noé von Atzingen wurden seit 1989 in der Serra zahlreiche
Naturschutzprojekte durchgeführt, die Renaturierung von abgebrannten Flächen,
Züchtung von Baumsetzlingen, Anlage einer wertvollen Orchideenzucht, Bewachung
des Naturschutzgebietes gegen Wilderer und Landbesetzer, die Wasserversorgung
für die anliegende Ortschaft Santa Cruz und die Errichtung von Schulen für die
Waldbevölkerung.
Die
Gegend dort ist reich an allen Wildarten der Amazonasregion, besonders
hervorzuheben ist der Fischreichtum des Rio Araguaia, der auch über wertvolle Bestände an
Süsswasser-Delphinen verfügt.
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| Piranhas und Tucunaré |
1996 konnte erreicht werden, dass der brasilianische Staat die gesamte
Serra unter Naturschutz stellte. Damit hatte der Verein sein wesentliches Ziel
erreicht. Seit dem Jahr 2005, nimmt der
brasilianische Staat das gesamte Naturschutzgebiet in sein Parkprogramm
auf. Die im Naturschutzbereich teilweise mehr als 20 Jahre ansässigen Siedler
ohne Landtitel sollen umgesiedelt werden und die Naturschutzgebiete mit Hilfe einer
Parkverwaltung überwacht werden.
Im
Dorf Santa Cruz erbaute Hubertus Dönhoff im Eingeborenenstil einen kleinen
Ansitz aus Lehmhäusern mit Strohdächern, in denen die Besucher in
Hängematten übernachten. Die Häuser heissen seitdem "Casas de Umberto". Direkt im
Anschluss an die Häuser beginnt der Urwald, der sich bis hinein in die Serra
zieht. Die Brandrodungen haben sich in diesem Bereich in Grenzen gehalten,
daher ist viel originärer Urwald mit den herrlichen Kastanienbäumen erhalten. Der Rio Araguaia hat
sich vor der Serra das Andorinhas sein Bett durch Felsenkatarakte und Sandbänke
gefressen, ein gewaltiger Anblick, der sich zur Regenzeit dramatisch steigert,
wenn der Flusspegel um ca. 12 m ansteigt. Die Ureinwohner aus der vorkolumbianischen
Zeit haben dort vor ca. 5000 Jahren zahlreiche Felsmalereien hinterlassen, die
zu den bedeutendsten in Brasilien gehören. In den Bergen finden sich
ausgedehnte Höhlensysteme mit Fledermäusen und zahlreichen Felsgravuren aus
prähistorischer Zeit. Als in den 60-iger Jahren ganz Südamerika von revolutionären
Bewegungen erfasst wurde, fanden in dieser Landschaft die letzten bedeutenden
Kämpfe zwischen der damaligen Militärregierung und den studentischen
Revolutionären statt. Es ist damals viel Blut geflossen und erst
jetzt wird die Geschichte zu diesen Kämpfen allmählich in der
Öffentlichkeit aufgearbeitet.
Das
ganze Waldland war ursprünglich von der brasilianischen Regierung an
Kleinsiedler kostenlos über das nationale Institut INCRA zur Verfügung gestellt
worden. Die Rodung erfolgte durch Brandlegung, hierbei wurden grosse Teile des
Waldes niedergebrannt. Die Kleinsiedler haben jedoch keine dauerhafte Nutzung
zustande gebracht. Als wir damals das Land zum ersten Mal sahen, befand sich
alles in einem trostlosen Zustand.
Die
Kleinsiedler lebten mehr schlecht als recht in
ärmlichsten Verhältnissen. Die Häuser
waren aus Lehm errichtet , und es
wurde lediglich etwas Manniok, Reis und andere Nutzpflanzen auf den niedergebrannten Flächen angebaut und
etwas Vieh gehalten. Schulen gab es in
diesem Gebiet nicht. Auf uns Ausländer wirkte das natürlich romantisch
und sehr naturnah, für die Menschen ,
denen es am Nötigsten fehlte war es aber ein hartes und entbehrungsreiches
Leben. Die ersten Siedler, die in den
60er Jahren dort ansässig wurden,
waren in den 90er Jahren alt und müde geworden
und strebten danach, ihre kleinen Farmen
zu veräussern, um sich und ihren Kindern
ein besseres Leben zu ermöglichen.
| Hänge der Serra |
Wie
bei allen Initiativen, die am Anfang mit Begeisterung getragen werden, hatte
1997 die Spendenfreudigkeit nachgelassen.
Wenn man die vorhandenen wertvollen
Waldbestände erhalten wollte, musste
eine dauerhafte Lösung gefunden werden. Es gelang wichtige Bereiche an
Wald zusammen mit gerodeten Flächen zu erwerben, so dass entlang der Serra
eine zusammenhängende Kette von
Waldgebiet gesichert werden konnte. Auf den gerodeten Flächen wird heute
Rinderzucht betrieben, Einkommen generiert und damit eine Sicherung für die
Waldgebiete unabhängig von Spendengeldern erreicht. Hierbei wurden wir von dem Grundgedanken geleitet, dass eine dauerhafte
wirtschaftliche Nutzung der früher gerodeten Flächen durch
verantwortungsbewusste Menschen und die
gleichzeitige Sicherung der Waldgebiete,
am besten den Zielen des
Naturschutzes dient.
Unser
Freund Noé von Atzingen hat für diese ganze Landschaft eine Oeko-Bilanz
aufgestellt, in der alle Tiere und Pflanzen aufgeführt sind. Die ganze
Artenvielfalt des Amazonas ist darin erfasst.
Bei
Sonnenaufgang werden wir von den Brüllaffen des nahe gelegenen Urwaldes
geweckt, die Papageien kreischen um das Haus und der Rio Araguaia bietet alles
an Fischen bis hin zu Piranhas, die entgegen vieler Geschichten niemanden angreifen. Durch
die Wälder und die Hänge der Serra
fliessen kristallklare Bäche mit zahlreichen grossartigen Wasserfällen und
Badeseen.
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| Wanderung durch den Regenwald der Serra |
Ein
altes Siedlerhaus wurde zu einem Museum umgebaut als Andenken an die ersten
Siedler. Dort sind alle Gerätschaften und Einrichtungen der „Caboclos“ (Waldbewohner = Mischung von Weissen
und Indianern) gesammelt, die zum grossen Teil von Hand hergestellt sind. Die
Kinder der Farm und der umliegenden Gehöfte werden mit einem Fahrzeug jeden
Morgen in die Schule von Santa Isabel gebracht. Die Schule wurde mit Hilfe von
deutschen Freunden komplett renoviert und wir versuchen Einfluss auf das Umweltbewusstsein der Kinder über die
Lehrer zu nehmen.
Wer
Freude an der Natur hat, für den ist ein Aufenthalt in dieser Landschaft ein
besonderes Erlebnis. Mit Sonnenaufgang geht es um 6.00 Uhr aus den Betten oder
Hängematten. Im Sommer fällt die Temperatur nachts auf 20°, was als kalt
empfunden wird und steigt tagsüber auf 30 – 35°. Morgens wird frische Milch vom
Corral gebracht, der Tag beginnt mit einem reichhaltigen brasilianischen
Frühstück, mit warmen Gerichten , Reis und Manniok und den obligatorischen
Bohnen, Eiern und Speck. Die „Vaqueros“ (Cowboys) brechen dann auf und sind den
ganzen Tag auf dem Pferderücken unterwegs. Alle Campos müssen angeritten
werden, die Tiere versorgt, neu geborene gezählt, und Problemfälle behandelt
werden . Beeindruckend ist es, wenn die Vaqueros die Herden von einem Campo zum
anderen bringen. Sie blasen dann auf langen Kuhhörnern und die Herde folgt
ihnen willig zum nächsten Weideplatz. Das Leben bewegt sich noch langsam und
archaisch, bestimmt von den Tages- und Jahreszeiten.
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| Frühstücken im Caboclohaus |
Nach
dem Frühstück brechen wir dann zu Ausflügen in die umliegenden Wälder, an den
Rio Araguaia oder zur Tierbeobachtung auf. In diesem hügeligen, dem deutschen
Mittelgebirge ähnlichen Gelände, ist man noch voll auf Pferde und Mulis
angewiesen.
Hauptnahrungsmittel
der Bewohner und am beliebtesten ist Fleisch, obwohl auch Fisch aus dem Fluss
wichtige Proteine liefert. Zu keiner Mahlzeit fehlt Reis, Bohnen, Manniok
und viele Früchte, die überall in der freien Natur wachsen und auf den
Ausritten direkt vom Baum geerntet werden wie Mangos, Papayas, Bananen, Zuckerrohr.
Durch
die zahlreichen Regenfälle das ganze Jahr über (Niederschlagsmenge zwischen 1200
und 1500 mm) und das tropische Wetter gibt es keinen
Winter.
Wegen
des hügeligen Charakters wird das Land entlang des Rio Araguaia um die Serra
das Andorinhas mehr für Viehzucht als für Landwirtschaft verwendet. Die Tierzucht
erfolgt im westlichen Sinne absolut ökologisch
Die
Rinder werden ganzjährig auf der Weide gehalten, eine Zufütterung ist nicht
erforderlich. Besonders schön fügen sich die Weiden, mit zahlreichen Palmen in die noch vorhandenen
Waldgebiete ein. Über allem aber erhebt sich die Serra das Andorinhas mit ihren
rd. 400 m hohen Bergkämmen und ihrem noch weitgehend unberührtem Oekosystem.
| Rinder auf der Weide, Oekologie pur |
Wenn
ich unser Engagement über die vergangenen Jahren betrachte, so hat es viel Freude und bei
unseren Aufenthalten Lebensqualität gebracht. Die brasilianische Sprache ist
leicht zu erlernen, die Menschen sind offen, freundlich und Ausländern
gegenüber zuvorkommend. Wer sich in den südlichen Ländern Europas auskennt,
fühlt sich in Brasilien schnell zu Hause.
Dieses Land mit
190 Mio. Menschen, seinem
ungeheueren Naturreichtum und seinen Bodenschätzen bietet enorme
Wachstumsmöglichkeiten, dies alles eingebunden in eine westliche Kultur, die
von dem kleinen Portugal vor einigen hundert Jahren eingeführt wurde.





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