Diego und Zé auf dem Ritt nach Sucupira
Sechs Stunden auf dem Pferderücken. Wir haben die letzte Woche jeden Tag drei Stunden geritten. Sonst hätten wir garnicht die Kondition gehabt einen so langen Ritt zu machen. Mein Lieblingspferd Chubim haben die vaqueiros ausgetauscht, ich reite Shalana, ein Geschenk von Joaquim do Tato. Wir reiten den langen Weg über die Fazenda von Dr. Cunha, Santa Cruz und dann die Sandstrasse in das Vale de Sucupira. Insgesamt etwa 30 km. Das letzte Mal bin ich diesen Weg mit dem alten Jeep von Noé gefahren 1988. Die Fundación Serra das Andorinhas hatte diese Strasse damals verbessert, eine Schule finanziert und im hinteren Teil des Vale ca 1000 ha Wald erworben. Ich erinnere mich, dass wir alle von grossem Idealismus und Einsatz beseelt waren. Das ist lange her, der kleine Junge Cicero, den wir damals getroffen haben, ist heute selber Vater eines Jungen im Alter von 10 Jahren. Der Weg, den wir damals noch in dem Jeep mit Zuckerrohrbenzin gefahren sind, ist verfallen, und unbefahrbar geworden. Die Brücken aus Baumstämmen sind eingestürzt. Die Wege sind so überwuchert, dass nur mit Hilfe von Cicero und seinem Sohn, sie freigehauen und passierbar gemacht werden konnten.
Siedler im Nationalpark
Am Eingang des Vale begrüsst uns ein grosses Schild, Nationalpark Serra das Andorinhas, 26.000 ha, das Ziel, das sich die Fundacion gesetzt hatte, ist mit der Umwandlung dieses Naturparadieses in einen staatlich geschützten Nationalpark erreicht. Die Anstrengungen und Opfer von Hubertus Dönhoff und seinem Freundeskreis haben am Ende ihren erfolgreichen Ausklang gefunden.
Der Nationalpark
Unsere braven Maultiere tragen uns die sandige Strasse immer tiefer in das Tal hinein. Die Sonne brennt an diesem Tag trotz Regenzeit unablässlich auf uns nieder. Von Zeit zu Zeit legen wir eine kleine Pause ein, um von den mitgebrachten Wasservorräten zu trinken. Ein kleiner grauer Maulesel trägt unser Gepäck, wir haben vor im alten Camp am Fluss Sucupira zu übernachten. Der Maulesel läuft frei mit und überholt uns immer wieder, wobei uns die aufgeschnallten Säcke kräftig puffen. Früher hatte man Transportsättel, Tragegestelle, auf die das Gepäck geschnallt werden konnte. Heute haben die vaqueiros die Säcke mit unserer Ausrüstung mit Seilen verbunden und über einen normalen Sattel gelegt. Immer wieder lösen sich die Seile und alles kommt zum Stehen, die Säcke müssen neu befestigt werden. Zé will einen Gepäcksattel in Auftrag geben, noch soll es einen Handwerker geben, der die alte Tradition des Sattelbaus beherrscht. Durch Jahrhunderte haben die Maultiere den Transport mit den aufgeschnallten Lasten bewältigt, heute findet man die Sättel nicht mehr im Handel.
Zé beim Überqueren eines Igarapé
Wir kommen über den ersten Pass der Serra, die Landschaft wandelt sich. Die am Anfang üppigen Tropenwälder machen einer Trockenzone Platz, in der resistente urwüchsige niedrige Bäume stehen, und viel Gras, von einer ursprünglichen Art, das nicht viel Biomasse für Tiere anbietet, aber enorm resistent ist. Die ursprünglichen Siedler konnten mit diesem Gras ihre Milchkühe, Ziegen und Schafe ernähren. Jedes Jahr brennt es in dieser Trockenzone, Pflanzen und Bäume haben sich darauf eingestellt und überleben das Feuer. Neben uns wachsen Felswände empor und dann fällt die Strasse, die Landschaft wird lieblicher und wir kommen an alten Siedlungshäusern vorbei, alle selbstgebaut aus Lehm und mit Palmblättern gedeckt, teilweise noch bewohnt, teilweise verlassen. Der Boden macht einen steinigen wenig ertragreichen Eindruck. Ich frage nach der alten Schule, die wir seinerzeit finanziert haben. Die Schule gibt es nicht mehr, der Staat hat eine neue kleine Schule im Ort Sucupira gebaut, in das die Kinder der wenigen Bewohner des Gebirgstales gehen. Immer mehr Bewohner geben ihr Leben dort auf und ziehen in die Stadt, um dem harten Leben in der Bergwelt zu entfliehen. Die wenigen die dort bleiben haben viele Kinder, für deren Ausbildung sorgt der Staat. Das Schulwesen hat sich in Brasilien stark verbessert, unter der Regierung Lula hat sich das Analphabetentum auch im Norden des Landes, im Amazonasbereich, stark verringert.
Die Pferde trinken vom Fluss Sucupira
Unser Ritt geht weiter, immer tiefer ins Tal hinein. Vom Weg der von Sta Cruz kommt biegen wir eine kleine Seitenstrasse ab. Da sich keiner mehr um die Unterhaltung der Strasse kümmert kommen bald nur noch unsere Maultiere durch. Wir kommen an ein paar Anpflanzungen von Mais vorbei, einige letzte Häuser von Caboclos, einige verfallen. Dann geht es scharf nach links zum Haus von Cicero, der seine Weide überraschend gut in Schuss hat. Acht alqueires hat er als tituliertes Eigentum. Wilde Siedler sind immer seltener, die staatliche Fürsorge mit ihrem cesto basico macht es nicht mehr interessant, im Wald eine Subsistenzwirtschaft zu führen. Vor uns liegt das Gelände unserer alten Stiftung. Einer der wenigen wilden Siedler hat das Gelände von Hubertus besetzt, eine kleine Parzelle, alle anderen Parzellen sind unberührt und verwandeln sich in ihren Urzustand zurück. Der Siedler wird wohl erst mit seinem Tod das Gelände aufgeben. Einen Siedler herauszukaufen kostet mehr, als das Gelände wert ist. Nach 10 Jahren hat der wilde Siedler das Gelände ersessen. Wenn er sich um einen Titel kümmert, kann er sich das Gelände überschreiben lassen und es geht für den früheren Eigentümer verloren. Aber dieses Land liegt so abseits und ist vom Ertrag zu uninteressant, als dass es einmal einen Nachfolger geben wird.
Noch 500 m bis zu unserer alten Station
Wir sind jetzt im früheren Gelände der Fundacion. Cerrado wechselt mit Waldzonen. Wir überqueren mehrere Zuläufe zum Fluss Sucupira, jetzt in der Regenzeit führen alle reichlich Wasser. Ein besonders romantischer Zulauf heisst Agua Bonita. Nach einer Stunde sind wir endlich am Camp angelangt. Die dort früher vorhandenen Häuser sind alles Ruinen. Bis in die 90er Jahre unter Zezinho war das noch erhalten. Danach kümmerte sich keiner mehr und alles verfiel. Alles wird wieder vom Wald überwuchert, die Wege sind noch mit Steinen markiert, aber die Blumen und Pflanzen sind verschwunden. Wir hauen mit unserem Facao eine kleine Lichtung frei, eine Jararacucu muss ihr Leben lassen, eine kleine sehr gefährliche Giftschlange, die die Gerinnungsfähigkeit des Blutes aufhebt – nach 24 Stunden verblutet man. Ein Stamm wird zwischen zwei Bäume als Dachfirst befestigt und eine grosse Plane soll uns vor Regen schützen. Die Mulos werden versorgt, dann ziehen sich alle aus und werfen sich in die Naturpiscina des Sucupira. Das Wasser ist kühl und erfrischend und das grosse Naturbecken, fast 2m tief ist unverändert und war der Grund, warum man früher die Schutzstation hier errichtete.
Bad im Sucupira
Abends sitzen wir am Feuer und grillen kleine Spiesse und Maiskolben, die uns Marcia eingepackt hat und um 8 Uhr liegt jeder in seiner Hängematte, nachdem er vorher seine Wasserflasche im Fluss für die Nacht gefüllt hat. Das Wasser ist kristallklar und trinkbar. Über uns die Tropennacht, enfernte Gewitter erleuchten den Himmel, um uns die Geräusche des Waldes, die Tiere machen einen grossen Bogen um uns. Spuren der Onca - des brasilianischen Jaguar - haben wir mehrfach am Tag gesehen. Eine geniale Erfindung die Hängematte der Indianer, sobald man in ihr liegt fühlt man sich geborgen und zuhause.
Vorbereitung zur Nacht
Um sechs Uhr bricht der Tag an. Alle rollen sich aus ihren Hängematten. Das Feuer von gestern wird nachgelegt. Zé filtert frischen Café. Es gibt Café und einige Kekse zum Frühstück. Diego nimmt als einziger ein Bad im Fluss, die anderen begnügen sich mit einer Katzenwäsche. Mein Hemd von gestern riecht nach Schweiss und Mulo, für heute muss es noch reichen. Es hat seit einigen Tagen nicht geregnet. Die Natur wartet auf Regen. Die Mulos werden gesattelt. Hängematten und Vorräte werden verstaut. Wir machen uns auf den Heimweg. Nach 22 Jahren habe ich die Stätte unserer ersten Schritte in diesem Land wiedergesehen. Die Natur hat sich alles was wir geschaffen haben zurückerobert. Schön wenn man beobachten kann, wie alles Handeln der Vergänglichkeit unterliegt und nichts von unserem menschlichen Tun Bestand hat. Was bleibt ist die Schönheit der Natur und unsere Erinnerung an die Schritte, die wir durch die Landschaft gegangen sind, und wenn wir keine Fussstapfen zurückgelassen haben, dann haben wir es richtig gemacht.
Feuer hält die Tiere fern
Ein Sechsstundenritt zurück auf die Fazenda. Der Rückweg erscheint mir viel länger als der Hinritt. Diego reitet ein Pferd. Auf halbem Weg bleibt es stehen und weigert sich weiterzugehen. Wir haben uns und dem Pferd zuviel zugemutet. Diego steigt ab und führt das Pferd an der Leine. Wir kommen durch den Flusswald des Araguia zurück auf die Fazenda. So grün und üppig waren die Weiden noch nie. Die Regenzeit hat alles in ein Paradies verwandelt, für Menschen und für Tiere. Schon planen wir den nächsten Ausflug zum Brecho dos Padres, etwas kürzerr der Ritt, aber noch gewaltiger und schöner die Natur der Serra das Andorinhas. Nach sechs Stunden Ritt ohne Pause sind wir alle am Ende unserer Kräfte. Ein üppiges Mittagessen erwartet uns auf der Fazenda und nachmittags setzt der Regen ein, auf den wir gewartet haben, pünktlich am Ende unseres Rittes.
Auf dem Rückweg
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen