Samstag, 30. Juni 2012

Johannisfeuer am Rio Araguaia

Schon am frühen Morgen herrscht hektische Betriebsamkeit. Wir wollen das Wochenende am Rio Araguia in den Flusshäusern verbringen. Die Häuser, angrenzend an den kleinen Ort Sta Cruz, wurden 1996 von Hubertus Dönhoff errichtet, im Stil der ersten Siedler, die sich wiederum die Bauweise der Indianer angeeignet hatten. Die Häuser haben niedrige Lehmwände und sind aus dem Holz des dahinterliegenden Waldes errichtet, eingedeckt mit Palmwedeln.

             Casas de Umberto in Santa Cruz


Alles ist offen, damit der Wind durch die Häuser streichen kann und über den Häusern hohe schattenspendende Bäume, vor allem zwei wunderbare Ipé, die in Kürze gelb blühen werden. Da alles offen ist wohnen wir auch dort wie die Ureinwohner in Hängematten, wenn wir uns abends zum Schlafenlegen ist es sicher ein ähnliches Gefühl, wie es die Flussindianer hatten, die noch vor 100 Jahren hier lebten. Der Fluss ist Ende Juni schon stark gefallen und gibt die breiten Sandbänke frei, die zu den schönsten in diesem Flussabschnitt gehören. In Kürze werden schon für Juli und August auf den Sandbänken kleine schattenspendende Hütten errichtet, in denen die Bevölkerung ihren Sommer am Fluss verbringt. Wenn der Fluss wieder steigt, reisst das Wasser die provisorischen Konstruktionen ab und die Strände versetzen sich wieder in ihren Urzustand zurück.

             Weisse Sandstrände am Rio Araguia


Ich sitze auf einer Holzbank vor den Häusern, vor mir ein Tisch mit einer grossen steinernen Platte, die von den Felsen stammt die die „Cachoeira de Sta Isabel“ bilden. Der Fluss ist hier im unteren Lauf angelangt, etwa 80 km bis er sich in den Rio Tocantins ergiesst. 2600 km hat das Wasser hinter sich, von den Quellgebieten die sich aus den Sumpfebenen des Pantanal ergiessen. Die beiden Flüsse Araguaia und Tocantins bilden den südlichen Abschluss des Feuchtgebietes des Amazonas, gewaltige Flusssysteme mit einer Ausdehnung, wie wir Europäer sie nicht kennen. Der Araguaia bildet in der Mitte seines Laufes eine Flussinsel, Ilha do Bananal, die grösste Flussinsel des Landes. Das Wasser des Flusses ist dunkelgrün, die Sedimente der Regenzeit die ihm einen schmutzigen Farbton verleihen, bleiben allmählich aus. In wenigen Jahren wird hier am Unterlauf bei Sta Isabel ein für die Region bedeutendes Kraftwerk errichtet. Obwohl mit neuer Technologie ausgestattet und der Impact auf die Lanschaft 90 % niedriger liegt als bei Kraftwerken aus den 80er Jahren, ist doch eine Vielzahl von wunderbaren Naturmonumenten betroffen, die wir noch geniessen können.

                Steinzeichnungen auf der Ilha dos Martirios


Die etwa 3000 Steinzeichnungen auf der Ilha dos Martirios werden überflutet. Das Dorf Sta Cruz, ein Relikt aus der ersten Besiedlungsepoche verschwindet. Die herrlichen Sandstrände vor den Casas de Umberto werden in den Fluten versinken. Der Pegel des Araguaia zwischen Sommer und Regenzeit verändert sich um bis zu 12 m. Durch den neuen Damm mit einer Höhe von 27 m wird das Wasser ständig auf ca 20 m über Niedrigstand aufgestaut. Das bedeutet, dass eine Vielzahl uns liebgewordener Flecken und Felsformationen im Wasser verschwinden werden. Auch die Casas de Umberto werden wohl an einer höhergelegenen Stelle neu gebaut werden müssen.


              Alles schmückt sich zum Johannisfeuer


Inzwischen sind alle Besucher aus der Fazenda eingetroffen. Reinaldo hat seine Frau mit Baby mitgebracht, ein reizendes Mädchen, 4 Monate alt, mit den japanischen Gesichtszügen des Vaters. Die Zwillingsschwester der Ehefrau ist auch dabei, beide 24 Jahre alt, bei Diego kann ich aber kein Interesse feststellen, obwohl Alice ein hübsches und intelligentes Mädchen ist, das Geschichte studiert. Der Wächter der Häuser, Sr. Hernandez, mit seiner jungen Frau und zwei kleine Kindern hat die Anlage wunderbar in Ordnung gebracht. So schön war der Garten noch nie. Wir besprechen einige Gartendetails und ich bin sicher, dass beim nächsten Mal der Garten noch perfekter ist. Besonders schön ist der Gemüsegarten, der ganz frischen Salat hat, am Maniokfeld arbeitet er noch, aber das nächste Mal holen wir uns wieder frischen Maniok, aus der Erde, ein Geschenk der Indianer an uns und eine wirkliche Delikatesse, wenn die Stücke frisch fritiert aus der Pfanne kommen, mit etwas Salz serviert.

                     Salatgarten hinter dem Haus



Hinter dem Küchenhaus brennt schon seit geraumer Zeit der Grill. Das Feuer ist jetzt soweit heruntergebrannt, dass die ersten Fleischstücke auf den Rost kommen. Gildo ist der Grillmeister und die vielen Jahre Praxis haben aus ihm einen wirklichen Experten gemacht. Den ganzen Tag wird neues Fleisch aufgelegt und uns auf den Tisch gebracht, dazu wird viel Bier aus der Dose getrunken.
Gestern hat es kräftig geregnet, mehr als 2 cm, für Ende Juni erstaunlich, aber für die Farm ein Segen. Heute morgen hing noch schwer die Feuchtigkeit in der Luft. Aber jetzt am Mittag unten am Fluss bricht sich die Sonne Bahn und in Kürze geht alles über die Sandbänke zum Baden. Das Wasser ist herrlich warm und sauber. 500 m flussabwärts stehen die Frauen den ganzen Tag im Wasser und waschen ihre Wäsche, aus der angeregten Unterhaltung untereinander kann man annehmen, dass die letzten Dorfneuigkeiten ausgetauscht werden. Vorsichtig gehen wir ins Wasser, die Gefahr hier sind die Rayas, Flussrochen, die im Sand liegen. Tritt man versehentlich auf sie, erhält man einen unangenehmen Stich mit dem Schwanz, der im Krankenhaus behandelt werden muss. Piranhas sind reichlich vorhanden, aber stellen keine Gefahr für den Menschen dar, vielmehr hängen sie oft an der Angel und bilden die Grundlage für eine gute Fischsuppe.

                 Frischer Fisch aus dem Fluss


Mit meinem Freund Dieter Joswig haben wir manchen Abend beim Angeln verbracht und wirklich gute Fische für die Küche gefangen. Der schönste Fisch ist der Tucunaré, der ein grosses Auge auf der Schwanzflosse und ein wunderbar schmeckendes weisses Fleisch hat, wenn er in Bananenblättern auf heissen Steinen gegrillt wird. Und da plötzlich ganz dicht vor uns eine Bewegung im Wasser, ist es ein Jacaré, der grosse Flussaligator, nein, jetzt ist die Rückenflosse sichtbar, ein Boto, ein Flussdelphin, der sehr selten geworden ist und nur in sauberen Gewässern überlebt, hier sogar ein Pärchen, das neugierig durch unseren Lärm angelockt wurde.




                   Die Einschiffung


Am Flussstrand schichten die jungen Leute einen grossen Holzstoss auf. Es ist Dia de Sao Joao, Johannistag. Schon am frühen Abend bei Sonnenuntergang herrscht grosse Aufregung unter den jungen Mädchen. Marcia hat Schminkzeug mitgebracht und erst werden alle Kinder geschminkt und dann kommen die Erwachsenen an die Reihe. Die Mädchen erhalten rote Backen und Sommersprossen, bestimmt zum ersten Mal auch rote Lippen und die Männer grosse Schnurrbärte. Die Mütter haben den Mädchen hübsche Frisuren gemacht und sich selbst auch herausgeputzt selbst unser 4 Monate altes Baby Celena hat Sommersprossen im Gesicht. Zé da Guia sieht wie ein echter Gangaceiro aus, ist aber der liebste von allen, ein Krauskopf wie bei Tom Sawyer oder wie direkt aus dem Quilombo.


                 Unsere geschmückte Mannschaft


Jetzt setzen sich alle an die Tische und schreiben ihre Wünsche auf Papier, das wird dann sorgfältig gefaltet und später im Johannisfeuer verbrannt. Inzwischen ist die Nacht über dem Fluss angebrochen. Sr. Hernandez hat das Feuer angemacht und bald lodert der Schein bis zu unseren Strohhütten hoch. Wir versammeln uns um das Feuer und alle stimmen ein Lied an, das Sao Joao gewidmet ist. Marcia betet dann für alle und auch Xangó der Welterschaffer und die Flussgöttin werden nicht vergessen. Alle übergeben ihre Wünsche dem Feuer und jetzt sollten die jungen Leute, vor allem die Liebespaare über das Feuer springen. Unsere tüchtigen Männer haben aber den Stoss so hoch geschichtet, dass sich keiner traut. Sie erklären kleinlaut das wollten sie erst um Mitternacht machen, wenn der Stoss herabgebrannt ist.



                 Das Johannisfeuer am Strand


Die Nacht verbringen wir in unseren Hängematten. Ich schlafe immer besonders gut , wenn ich draussen auf der Terrasse mein Netz aufspanne. Ich höre nur die Geräusche der Nacht aus dem angrenzenden Urwald und das leise Rauschen des Rio Araguaia. Es hat leicht angefangen zu regnen und die Mücken atackieren noch einmal, obwohl es gar nicht ihre Zeit ist. Etwas Mückenspray und dann herrscht Ruhe.
Zum Frühstück am nächsten Morgen wird schon um 7 Uhr frittierter Maniok und Farofa von gestern gegessen. Zé löffelt an einem grossen Reisteller mit Bohnen. Wir Europäer begnügen uns mit etwas Obst und gutem brasilianischem Kaffee.

          Die Kinder des caseiro


Dann geht es auf die Insel dos Martirios und wir schauen uns die Steinzeichnungen noch einmal an, die bald überflutet sein werden. Weiter geht es mit dem Boot zur Terra de Felix. Dort wächst in der Regenzeit die Weide nach und sobald der Fluss fällt treiben die Vaqueiros von der Farm 40 Rinder für die Sommermast auf diesen schönen Fleck Erde. Aber was dieses Stück Land besonders attraktiv macht, ist nicht die Lage am Fluss, sondern hinten am Ende des Baches, etwa eine Stunde Fussmarsch entfernt, stürzt von der Serra ein Wasserfall herab und bildet ein natürliches Becken, in dem wir schwimmen gehen.


              Wasserfall  am Fuss der Serra

Zé Viera , den ich nun seit 1988 kenne, haben wir dieses Wochenende nicht gesehen, er hat Grippe und von uns mit Asperin versorgt, hat er sich in sein Haus in Sta Cruz zurückgezogen. Sein Haus hat er vorm kurzem in eine Pousada umgebaut und vermietet es an zahlende Gäste, die von dort in die Serra Andorinhas touren. Bis vor kurzem war der Ort nur über das Wasser erreichbar. Jetzt gibt es aber eine schlechte Sandstrasse.
Ich sitze wieder auf meinem Lieblingsplatz an dem Steintisch mit dem wunderbaren Blick über die Flusslandschaft. Diego kommt und stellt sich neben mich. Überraschend sagt er:
Dies ist einer der schönsten Flecken dieser Erde. Das Schicksal hat mich privelegiert, mit einer solchen Schönheit und einem solchen Frieden zu leben und den Araguaia zu sehen, die gewaltigen Wassermassen, die seit Millionen Jahren ihr Bett durch die Felsformationen der Serra getrieben haben.
Ich kann ihm nur beipflichten.



           Der Blick vom Steintisch vor den Hütten

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